Predigt von Richard Baus zum 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Amos 6,1a.4-7     Lk 16,19-31

 
Liebe Schwestern und Brüder,

diese Geschichte vom »Armen Lazarus und vom reichen Prasser« ist vielen von uns wohl von Kindesbeinen an bekannt.

Mit dem armen Lazarus haben wir sicher alle Mitleid, während  der reiche Prasser in unserer Skala der Sympathie nicht so gut wegkommt.
Wie kann man nur so herzlos sein?!

 
Aber, liebe Schwestern und Brüder,

seien wir vorsichtig mit unserem Urteil. Dass er wirklich herzlos war, oder gar böse, davon steht nichts in der Bibel.
Er hätte sicher niemandem bewusst etwas zuleide getan; und um das Schicksal seiner Brüder ist er ja auch sehr besorgt.

Nein, woran sich die Kritik Jesu entzündet, das ist die Tatsache, dass er so sorglos und so mit sich selbst beschäftig lebt, dass er anscheinend den Armen vor seiner Tür überhaupt nicht wahrnimmt.
Anscheinend weiß er gar nicht, dass es diesen Lazarus in seinem Elend überhaupt gibt. Er hat keinen Blick dafür. Das macht ihn für Jesus zum Problem.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wenn eine solche Geschichte im Evangelium steht, dann können wir davon ausgehen, dass es so was wohl auch schon zur Zeit der jungen Christengemeinden gegeben hat:
Menschen, denen es gut ging; Menschen,  die sicher gut und fromm waren und die anständig gelebt haben. Aber die so mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie „die Welt“ um sich herum gar nicht wahrgenommen haben.
Ein absolut „harmloses“ Christentum, das mit sich selbst zufrieden war.

Ein „Milieu-Christentum“, wie wir heute sagen würden;
das heißt Christen, die nur mit ihresgleichen verkehren und mit sonst niemandem. Wer irgendwie „anders“ ist, „anders“ lebt, hat dort keinen Zugang. Man bleibt unter sich. Alles andere interessiert nicht – oder wird als störend abgelehnt.

Ein Christentum, das aber genau deshalb die Welt nicht mehr verändert und nicht verändern kann - weil es ja nicht mehr weiß, was in der Welt wirklich los ist,
weil es mit dieser Welt „draußen“ nichts mehr zu tun hat – oder nichts zu tun haben will.
Es geht, wie der reiche Mann im Evangelium, nicht mehr vor die Tür, um zu sehen, was da los ist, wo es da fehlt – und wo es gebraucht würde, Not zu lindern.

Und irgendwann wird die Kluft zwischen den „Frommen“ drinnen und den Armen draußen so groß, dass sie nicht mehr überbrückbar ist - selbst nicht mehr von Abraham.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

eine Evangelien-Geschichte mit „hartem“ Ausgang: Für den Reichen und seine Brüder ist nichts mehr zu machen. Zu spät!

Genauso hart wie die Kritik des Propheten Amos an den Reichen seiner Zeit, die sich auch nur noch für sich selbst interessieren und für sonst gar nichts mehr. Hauptsache, ihnen geht es gut. Was draußen los ist, das ist ihnen egal.

Aber dieses Gleichnis wird uns sicher nicht erzählt, um uns Angst zu machen vor der „Verdammnis“, in die der Reiche da gerät; und auch nicht Angst zu machen vor der Hölle oder so etwas.

Sondern es wird uns erzählt, um uns wach und achtsam zu machen - und unsere Sinne zu schärfen für das, was außerhalb unserer Kirchenmauern und außerhalb unseres „Milieus“ los ist – damit dort niemand liegen bleiben muss, nur weil wir ihn nicht sehen;
damit dort niemand Not leiden muss, nur weil wir das nicht wissen – oder nicht wissen wolle..

Aber wir müssen das wissen!

Denn, und das will uns das Evangelium sagen:
Christen müssen Menschen sein, die nicht nur nach innen schauen sollen, sondern auch nach außen;
nicht nur auf die Tabernakel und Altäre, sondern auch auf die Armen und Notleidenden.
Denn wo die sind, die „Lazarusse“ unserer Zeit, die Armen und Hungernden, die Flüchtenden, Kranken und Leidenden, genau dort ist auch Christus.

„Was ihr einem meiner geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“, so sagt er und so legt er es uns ans Herz.

Und wenn wir IHN wirklich suchen und wenn wir IHN in unserer Mitte haben wollen, dann müssen wir ihn dort suchen, bei Lazarus,
und dann müssen wir Lazarus in unsere Mitte nehmen - um seine Not zu lindern, seine Krankheiten zu heilen und ihn aufzurichten.

Denn wer wirklich Christus dienen will, der kommt am Menschen, am notleidenden Menschen, nicht vorbei.
Ja, an Lazarus müssen wir beweisen wie ernst es uns mit Christus ist…

 
Liebe Schwestern und Brüder,

hier oben auf dem Berg steht der sog. Fensterstein, der uns an Mutter Rosa erinnert – und auch an Bruder Jakobus. Ein Steindenkmal, das zwei Fenster zeigt.

Dieser Fensterstein deutet die Klause in der Kreuzkapelle an, in der Mutter Rosa und später Bruder Jakobus gelebt haben.
Und diese Klause hat eben zwei Fenster:

Das eine führt hinein in die Kreuzkapelle, in der Kirchenraum, nach Innen  - und das andere führt hinaus zur Welt.
Und durch beide Fenster haben Mutter Rosa und auch Bruder Jakobus wohl jeden Tag geschaut.

Diese 2 Ordensgründer hatten immer beides im Blick: Gott und die Welt - und beide haben beides in ihrer Person in Verbindung gehalten:

„Innen“, bei Gott, da haben sie Kraft gesammelt - um dann hinausgehen zu können in die Welt, vor die Tür, um dann dort Lazarus wahrzunehmen und zu sehen,
Lazarus und alle seine Geschwister,
all jene, die alleine nicht mehr weiterkönnen, und die dann vor die Hunde gehen, wenn wir unsere Augen vor ihnen verschließen.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch