Predigt von Richard Baus zum 28. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Lk 17,11-19–2
Tim 2,28-13

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich kann mich noch gut an meinen Religionsunterricht in der Grundschule erinnern. Für den Pfarrer, der diesen Unterricht erteilte, war diese Geschichte die Paradegeschichte für die Undankbarkeit der Menschen.

„Sobald es ihnen gut geht, brauchen sie Gott nicht mehr – und dann ist er vergessen“, so pflegte er zu sagen. Und: „So sind die Menschen.“

Vielleicht hatte er ja Recht. Aber ich vermute trotzdem, dass diese Geschichte nicht im Evangelium steht, damit wir etwas über die Menschen erfahren, sondern mehr über Gott. Sie will uns etwas von und über Jesus erzählen, dem Sohn Gottes.
Was könnte das hier sein?

Nun zum Einen ganz sicher, dass Jesus überraschenderweise nicht „vorsortiert“ hat, wen er da heilen will und wen nicht, sondern dass dieser Jesus alle heilt, die ihn darum bitten. Nicht nur Juden, sondern auch Heiden.
Jesus fragt nicht nach der Religion dieser Aussätzigen, sondern er sieht deren Not und hört ihr Bitten – und dann tut er, was getan werden muss: Er heilt.
Keine Einteilung in Religionen – sondern Heil für alle.
Keine Befragungen – sondern Hilfe.
Denn hier zählt offensichtlich nicht die Religion, sondern der Glaube.

Bei meiner Vorbereitung auf die Predigt bin ich bei diesem einen Satz hängengeblieben, den Jesus zu diesem Samariter spricht, der da zurückgekehrt ist, um Gott zu preisen wegen der Heilung, die ihm geschenkt wurde.

Dein Glaube hat dir geholfen, so sagt Jesus.

Das Spannende ist, dass dieser Mann ja, wie gerade gesagt, ein Samariter ist, und das heißt für die Juden ist er ein Heide – und damit ein Ungläubiger.  Und Jesus ist doch auch ein Jude.
Wie kann er dann diesem „ungläubigen Heiden“ dennoch Glauben bescheinigen? Auch noch einen Glauben, der heilt, der Wunder möglich macht?!

Dein Glaube hat dir geholfen, sagt Jesus. „Dein“ Glaube – nicht der Glaube der jüdischen Gelehrten, nicht der Glaube, der am Tempel gelehrt wurde und nicht der, der in den Büchern festgeschrieben steht, sondern dein Glaube, der Glaube, der aus deinem Herzen gekommen ist – aus der Erfahrung, die DU mit DEINEM Gott gemacht hast.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

für die jüdischen Schriftgelehrten zur Zeit Jesu wäre das, was ein Heide glaubt, alles andere als perfekt gewesen, im besten Fall „zu wenig“.
Aber für Jesus, für Gott, war er genau richtig.

Weil Gott wohl nicht wissen will: Wieviel weißt du von mir? Was hast du auswendig gelernt? Sondern: Worauf vertraust du? Woran hältst du dich fest?

Ich bin sicher: Gott will nicht wissen: Was haben die anderen von mir erzählt?
Sondern er will wissen: Wer bin ich, Gott, für dich?

Hast du einen Glauben aus 2. Hand, oder hast du einen Glauben aus 1. Hand?

Einen geliehenen oder einen eigenen Glauben, der mit deiner eigenen Gotteserfahrung belegt ist. Einer Erfahrung, der du deshalb traust - weil du deinem Gott vertraust. Und weil du weißt, dass er auch dir vertraut.

Gotteserfahrung – nicht aus 2. Hand, von anderen gemacht, sondern aus 1. Hand. Von mir selbst gemacht.
Das ist für Jesus Glaube.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

deshalb müssen wir uns schon mal die Frage stellen: Haben wir eigentlich einen wirklichen Glauben. Keinen auswendig gelernten aus einem Buch, sondern einen eigenen, – einen aus erster Hand?
Einen der uns auch hilft, unseren eigenen Weg zu finden und den dann auch zu gehen? Unseren persönlichen Auftrag – und den zu erfüllen. Auch wenn wir da vielleicht was ganz anderes formulieren würden als das in unseren Glaubensbüchern steht…

Oder „lassen wir immer noch glauben“, von anderen – selbst wenn das, was dort dann dabei rauskommt am Ende gar nichts mehr mit uns zu tun hat – sondern „nur“ die Tradition ist?

Am Ende werden wir sicher nicht nach dem Glauben von Kardinal X oder von Papst Y oder aus einem alten Katechismus gefragt, sondern nach unserem EIGENEN Glaube.Und dann sind wir gemeint – wir mit unserem eigenen Glauben.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

diese Geschichte will uns wohl sagen: Jesus zieht den Kreis nicht zu klein, wenn es um den Menschen geht. Sondern wenn es um den Menschen und dessen Heil geht, dann überschreitet er alle Grenzen –
weil sein Gott doch auch grenzen-los ist und grenzen-los liebt.

Gott ist nicht katholisch; Gott ist auch nicht protestantisch, er ist weder Jude, noch Moslem, sondern Gott ist Gott,
und zwar der Gott aller Menschen.

Und deshalb ist für Gott sicher nicht entscheidend, ob ich alles weiß und wiederholen kann, was in einem katholischen Katechismus steht oder was in einem protestantischen; für ihn wird sicher nicht entscheidend sein, ob ich dies und jenes auswendig „daher-sagen“ kann, sondern für ihn wird entscheidend sein, ob er mein Gott sein darf.

Ob ich mich an IHN klammere, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
Ob ich von IHM her noch etwas erwarte, wenn ich am Ende bin.

Und ob ich darauf vertraue, dass ER mich nicht fallen läßt.

Denn er ist ein Gott, der sein Heil allen Menschen schenken will - sogar den Sündern.Und er ist in Jesus Christus in die Welt gekommen, um die ganze Welt zu heilen und um alle Menschen zu retten.

Wohl mir, wenn ich darauf vertraue –
so dass dieser Gott auch wirklich mein Gott sein darf.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch