Predigt von Richard Baus zum 4. Fastensonntag, Lesejahr C

Lk 15,1-3.11-32

  
Liebe Schwestern und Brüder,

das heutige Evangelium ist mir unter zwei Überschriften bekannt.
Die erste Überschrift stammt aus meiner Kindheit. Sie lautet: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Und sie steht im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf die Erstbeichte. Dort hatte nämlich dieser „verlorene“ Sohn seinen festen Platz, der sich sein Erbe auszahlen lässt und dann sein Glück versucht.
Leider setzt er wohl auf die falschen Pferde, denn ihm geht alles schief.
Am Ende ist er so tief gesunken, dass er Hunger leiden und Schweine hüten muss.
Für einen Juden etwas unvorstellbares. Tiefer kann man nicht mehr sinken.

Und dann beginnt dieser Prozess, der damals für den Beichtunterricht so wichtig gewesen ist: Die Umkehr.
Als der Sohn fast vor Hunger umkommt, geht er in sich. Er macht sich einen Plan: Er will nach Hause zurückgehen zu seinem Vater, um ihm zu sagen, dass er gesündigt hat und nicht mehr wert ist, Sohn dieses Vaters zu sein. Er soll ihn als Tagelöhner bei sich aufnehmen, denn zu mehr ist er nicht mehr würdig. Zu mehr taugt er nicht mehr.

Und so wie dieser Sohn, so sollten auch wir in uns gehen, bereuen und umkehren. So wollte uns der Pfarrer damals haben.

  Liebe Schwestern und Brüder,

ich muss gestehen, dass ich mich als Kommunionkind da immer schon ein wenig gewundert habe, dass hier von Umkehr gesprochen wurde und sogar von Buße.
Denn die Motivation für seine „Umkehr“ liegt ja im Grunde gar nicht so sehr darin, sich mit den Vater wieder auszusöhnen und da wieder etwas gutzumachen, sondern der Grund für seine Umkehr ist eigentlich sein Hunger. Er will endlich mal wieder satt werden. Er will endlich nicht mehr länger hungern müssen. Und bei seinem Vater, da gibt es genug zu Essen. Also nix wie dorthin zurück!

Und dann kommt es zu dieser wunderschönen Szene, die ja auch so unerwartet ist:
Auch wenn wir alle vom „verlorenen Sohn“ sprechen – der Vater hat ihn aber wohl noch gar nicht für verloren erklärt - sondern er wartet wohl immer noch auf ihm. Und weil er wartet und Ausschau hält,  sieht er ihn schon von weitem komme. Er hat Mitleid mit ihm - und er läuft ihm entgegen.

 
Liebe Schwestern und Brüder;

das ist eine Stelle in diesem Evangelium, die für einen Orientalen damals, vielleicht sogar auch heute noch, total verrückt sein muss. Denn was dieser Vater da macht, so etwas tut im Orient ein Familienoberhaupt nicht.
Der läuft einem weggelaufenen und abgerissenen Sohn nicht entgegen, denn damit würde er sein Ansehen verlieren.
So ein Vater, ein Familienoberhaupt, der muss im Haus sitzen bleiben bis der Sohn zu ihm kommt. Der muss abwarten, bis der Sohn sich vor ihm auf den Boden geworfen und seine ganze Schuld bereut hat.
So ein Familienoberhaupt will das Schuldbekenntnis hören und die Reue, um dann diesem Sünder vielleicht noch mal vergeben zu können – zumindest dann, wenn der bereit ist, eine Strafe auf sich zu nehmen und sie abzubüßen.
Das heißt, da muss eigentlich alles genau so ablaufen, wie wir das aus der Beichte von früher kennen. Umkehr, Reue, Schuldbekenntnis, Buße – das ganze „Programm“.

Aber all das macht dieser Vater, von dem Jesus erzählt, überhaupt nicht. Dieser Vater ist total anders: Er wartet nicht ab, sondern er läuft dem Sohn entgegen.
Und als der Sohn anhebt, seine Schuld zu bekennen, da will der Vater das nicht einmal hören, sondern er nimmt ihn in die Armen und befiehlt sofort den Knechten, alles herbei zu holen, womit der dem Sohn seine Würde wiedergeben kann: Ein Gewand, Schuhe und einen Ring. Und dann wird gefeiert. Sogar das Mastkalb wird geschlachtet. Und dann ist alles wieder gut. Er ist wieder Sohn. Und zwar geliebter Sohn!

Und genau das ist die Stelle, an der dann für mich die zweite, die so ganz andere Überschrift für dieses Gleichnis auftaucht:Diese andere Überschrift lautet: Das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Denn darauf läuft dieses Gleichnis ja hinaus.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Gleichnis ist eben nicht die Anleitung für eine Beichtpraxis. Und es will uns nicht aufzeigen, wie wir uns zu verhalten haben. Sondern Jesus will mit diesem Gleichnis Gott beschreiben -- seinen Gott und dessen Handeln
Und dieses Gleichnis sagt uns: Dieser Gott ist einfach nur barmherzig – und sonst gar nichts.
Der kann vergeben und mehr noch, er kann sogar vergessen.
Denn das, was war, das will er gar nicht einmal wissen. Der Sohn kommt gar nicht dazu, seine Schuld zu bekennen – und auch nicht zu sagen, wie leid sie ihm tut.
Denn all das ist dem Vater nicht wichtig. Ihm genügt es, dass der Sohn überhaupt zu ihm zurückkommt. Egal aus welchen Motiven – und wenn es nur der Hunger ist. Hauptsache er ist da! Hauptsache, er kann seine Arme ausbreiten, um ihn an die Brust zu drücken.
Hauptsache, er kann ihn beschenken!

Ja, Jesus beschreibt hier Gott. Seinen liebenden und barmherzigen Gott.
Diesen Gott, der selbst alles dafür tut, dass keiner verloren geht.
Nicht mal der, der in den Augen seines Bruders ein Sünder ist.

 
Und dennoch, liebe Schwestern und Brüder, gibt es in diesem Gleichnis einen „verlorenen Sohn“. Überraschenderweise ist es nicht der, der weggelaufen war, nicht der, der sein Geld verprasst hat, sondern der andere; der brav zu Hause geblieben ist und dort anscheinend doch alles richtig gemacht hat.

Aber er hat ein Riesenproblem: Er kann den Vater nicht verstehen. Mit so viel Liebe kommt er nicht zurecht. Der, der doch schon alles gehabt hat, der bekommt schon wieder alles. Und er? Er war doch brav und gut. Ist er jetzt nicht der Dumme?

Und damit er eben nicht „der Dumme“ ist,  will er den Vater anders: Nämlich hart und unbarmherzig.
Ja, der Vater soll so sein wie er selbst in seinem Inneren ist: nämlich gerecht. Und zwar gnadenlos gerecht. Wer etwas falsch gemacht hat, der muss bestraft werden; wer etwas falsch gemacht hat, der muss Buße tun.
Und wer gearbeitet hat, wer „brav“ war, der muss belohnt werden -- und nur der.

Aber da der Vater so ganz anders ist, kann er sich nicht mit dem Vater freuen über die Rückkehr seines Bruders und er kann nicht mitfeiern. Und so bleibt er draußen - draußen vor der Tür.
Und so ist am Ende er der Sohn, den der Vater verloren hat.
Tragisch.
  

Liebe Schwestern und Brüder,

ich fürchte: Solche „verlorenen Söhne und Töchter“ gibt es immer noch  -- auch in unserer Kirche.
Und vielleicht gehören wir ja auch hin und wieder dazu.
Dann, wenn wir selbst uns für besser halten als die anderen – weil wir uns doch „so viel Mühe gegeben“ haben....
und wenn auch wir am Ende so ganz ohne Erbarmen sein können gegenüber denen, die offensichtlich etwas falsch gemacht haben ...

weil wir es nicht aushalten, dass Gott dann barmherzig ist – und einen neuen Anfang gewährt.
Denn „Strafe“ muss doch sein. Oder?
Wo kämen wir denn sonst hin…?! Also echt!

Aber das Gleichnis Jesu erzählt nichts von Strafe. Überhaupt nichts.
Sondern nur von diesem barmherzigen Vater, der so anders handelt als wir es uns denken –
und der so ganz anders ist als wir oft selber sind …

Ja, wo kämen wir denn da hin - mit so viel Barmherzigkeit?!
Nun, ganz sicher zum Himmel. Wohin sonst? Denn wo eine solche Liebe ist, da wohnt Gott.

Also echt eine wirkliche Herausforderung –
einmal dieses Evangelium
und dann auch noch dieser Gott Jesu.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch