Predigt von Richard Baus zum 5. Ostersonntag, Lesejahr C

Joh 13,31-33a.34-35

 
Liebe Schwestern und Brüder,

woran erkennt man einen Christen? Was würden Sie sagen?
Am häufigen Gottesdienstbesuch? Am regelmäßigen Gebetsleben? An einer gewissen Frömmigkeit im Gesichtsausdruck?
Vielleicht wären das die Antworten, die wir geben würden.

Die Antwort, die Jesus gibt, klingt aber ganz anders:
An der Liebe.

"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid,
wenn ihr Liebe habt zu einander".
Die LIEBE als Erkennungszeichen der Christen. 

 

 

Erstaunlich, oder? Und es wird noch besser: Nach dieser Stelle im Johannes-Evangelium geht es bei dieser Liebe auch gar nicht um die Liebe, die wir zu Gott haben, sondern um die Liebe, die wir zu den Menschen haben. Es geht um die Nächstenliebe.

Spannend. Da sagt dieser Jesus bei Johannes tatsächlich nicht: Liebt Gott! Auch nicht: Liebt mich,  sondern er sagt:  Liebet einander.
An der Liebe, die ihr zueinander habt, daran wird man euch als Christinnen und Christen erkennen.

Vielleicht fragt man sich etwas bang: Ist das dann nicht doch ein bisschen zu „flach“, zu horizontal? Hat der Evangelist da vielleicht doch etwas übersehen? Wo bleibt denn da Gott???

Nein, er hat nichts übersehen. Denn in dem, was Jesus da sagt und wie er es sagt, da ist Gott ja nicht außen vor, sondern Gott ist mitten drin
Denn Jesus selbst, er, der Sohn Gottes ist ja der Maßstab für diese Liebe, die wir zueinander haben sollen. 
Liebet einander, wie ich euch geliebt habe – so sagt es der Herr.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wie der Herr uns geliebt hat, so sollen wir einander lieben

Und deshalb sollten wir an dieser Stelle schon fragen: Wie ist denn die Liebe, mit der Jesus uns geliebt hat? Was macht sie aus? Was macht sie so „besonders“?

Nun, wenn wir der Liebe Jesu, und damit der Liebe Gottes auf die Spur kommen wollen, dann müssen wir eigentlich nur das anschauen, was wir hier jetzt miteinander feiern: Unseren Gottesdienst.
Wir feiern einen Gott, der uns Menschen dient.

Wir feiern einen Gott, der uns Menschen immer wieder neu seine Freundschaft und seine Liebe anbietet, dem keiner zu gering, zu alt, zu krank oder sonst was ist;

Wir feiern einen Gott, der uns nicht abschreibt, wenn wir etwas falsch gemacht haben und der uns nicht fallen lässt oder exkommuniziert, wenn wir uns anders entschieden haben als er es sich vielleicht für uns geträumt hat,
sondern das ist ein Gott, der uns nachgeht -- so lange, bis er uns gefunden hat;

Wir feiern einen Gott, der nicht irgendwann sagt: So jetzt ist es aber Schluss,
sondern der immer wieder einen neuen Anfang mit uns wagt und uns eine neue Chance gibt.

Und der immer wieder sein Brot mit uns teilt --- aber nicht als Belohnung, weil wir immer alles richtig gemacht haben und immer schön ordentlich und brav gewesen sind,
sondern als Hilfe, als Medikament, das uns heilen soll.

   
Ja, liebe Schwestern und Brüder, wir feiern Gottes-Dienst. Gottes Dienst an uns Menschen – und damit seine Liebe zu uns.

Eine Liebe, die nicht aufhört, sondern die anhält - die sucht, weil sie heilen und retten will. 
Eine Liebe, die aus der Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen entspringt.
Denn Gott kann gar nicht anders als barmherzig zu sein, wenn es um uns Menschen geht.

Und diese Barmherzigkeit, die soll man auch an uns entdecken und spüren – die soll deutlich werden in unserem Umgang miteinander,
an der Liebe, die wir zueinander haben.

Und deshalb müssen wir uns hin und wieder auch schon mal fragen:
Wie leben wir denn unser Christsein? Was kommt da „rüber“, wenn man uns als Kirche begegnet?
Sind wir einladend mit der Art Weise wie wir glauben und über Gott reden - oder schrecken wir ab?
Sind wir nur „fromm“ --- oder sind wir auch menschlich, freundlich und liebevoll - um Gottes- und der Menschen Willen????

Ich möchte noch einmal Prof. Zulehner zitieren, der einmal gesagt hat:
Gott ist nicht auf die Welt gekommen, um die Menschen frömmer zu machen, sondern um die Frommen menschlicher zu machen.

Und ich denke, das ist der Weg für unsere Kirche, und der Weg auch für unsere Gemeinschaft, um überhaupt noch Zukunft zu haben:
Nicht immer nur „frömmer“, und vor allem nicht immer noch enger und strenger zu werden, sondern eben liebevoller und menschlicher,--
und das ganz ohne die Angst, am Ende vielleicht „zu menschlich“ zu werden. 

Denn davor hatte nicht einmal Gott Angst;
schließlich ist er ja selbst Mensch geworden --- nicht nur ein bisschen, sondern ganz und gar - bis zur Selbsthingabe,
bis es ihn alles gekostet hat - sogar das Leben –
aus lauter Liebe zu uns Menschen.

Und deshalb ist diese Liebe in unserer Kirche so wichtig: diese barmherzige, menschenfreundliche Liebe. Eine Liebe, die so guttut, dass sie sogar Wunden heilen und Schuld vergeben kann.

Und genau daran soll man auch uns erkennen.

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch