Predigt von Richard Baus zum 7. Ostersonntag, Lesejahr C

Joh 17,20-26

 
Liebe Schwestern und Brüder, 

der Abschnitt, aus dem wir gerade das Evangelium gehört haben, nennen wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu.
Jesus betet zum Vater.  Er bittet den Vater um die Einheit. So wie er im Vater ist, so sollen alle, die zu ihm gehören, auch im Vater und in ihm sein.

Nun, wenn wir auf unsere Kirche schauen - und auf die vielen anderen christlichen Kirchen in der Welt, dann mag man doch so seine Zweifel hegen, ob der Vater die Bitte seines Sohnes erhört hat - denn von Einheit ist da nicht viel zu spüren.
Hat der Vater vielleicht nicht hingehört?!

Aber vielleicht liegt es ja gar nicht am Vater, sondern an uns - und an unserer falschen Vorstellung von Einheit -- weil wir ja immer meinen, Einheit sei dann erreicht, wenn es nur noch eins gibt, also nur noch eine Kirche. Und sicher denken wir dann gleich an unsere römisch katholische Kirche.

Vielleicht  ist Einheit ja auch dann schon erreicht, wenn Einigkeit besteht zwischen den unterschiedlichen Kirchen. Dann, wenn wir uns nicht gegenseitig schief anschauen und aufhören, all das, was "anders" ist als wir, zu verteufeln,
sondern wenn wir lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren und zu respektieren. Und wenn wir uns von der Vorstellung trennen, die anderen Kirchen seien weniger „Wert“ als unsere - weil nur wir Katholiken „die Wahren" seien.

 
Liebe Schwestern und Brüder, 

wer sich ernsthaft um die Einheit bemüht, um die unser Herr gebetet hat und wer ernsthaft in der Ökumene mitarbeitet, der weiß doch längst, dass Vielfalt nicht Konkurrenz bedeutet, sondern als Reichtum!

Und der hat längst gelernt, dass wir uns nicht dauernd auseinandersetzen müssen, sondern dass wir vielmehr lernen müssen, uns zusammenzusetzen.

 
Es gibt diese schöne Geschichte John Wesley (1707-1788), dem Begründer der evangelisch-methodistischen Kirche. In einem einen Traum kam er an das Portal zur Hölle und fragte: »Was für Leute gibt es denn bei euch? Katholiken?.« Antwort: »Ja, viele.« »Auch Anglikaner?« »Antwort: »Ja, viele.« »Auch Lutheraner, Reformierte, Baptisten, Presbyterianer, Orthodoxe?« Immer kam die gleiche Antwort: »Ja, viele.« »Etwa auch Methodisten?« »Ja, viele.« Betrübt ging Wesley weiter und kam an das Himmelsportal. Er klopfte bei der Auskunft und stellte die gleichen Fragen: »Sind hier Katholiken?« Antwort: »Nein, kein einziger.« »Anglikaner?« »Nein, kein einziger.« »Lutheraner, Reformierte, Baptisten…?« Und immer die gleiche Antwort: »Nein, kein einziger.« Zaghaft fragte er am Schluß: »Aber doch Methodisten?« Antwort: »Nein, kein einziger.« Erschrocken wollte Wesley nun wissen: »Ja, was für Leute sind denn im Himmel?« Antwort: »Hier gibt es nur Christen.«

 
Im Himmel sind ganz bestimmt nur Christen, weil im Himmel sicher nicht nach der Konfession gefragt wird, sondern nach der Religion, nach der Religio, das heißt: nach der VERBINDUNG - nach der Verbindung zu Gott, zum Herrn - und nach der Liebe, die wir zu IHM haben - und nach sonst sicher gar nichts! Denn im Himmel gibt es keine Kirchen mehr, keine Bischöfe und keinen Papst, sondern Gott in seiner Liebe zu allen Menschen.

Und deshalb müssen wir lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht dauernd die Fragen der Theologen: Denn das sind meist die Fragen nach dem, was uns voneinander trennt. Sondern die Fragen von Freunden und Liebenden, denn das sind die Fragen nach dem, was uns vereint, was uns gemeinsam ist.....damit auch wirklich alle eins sein können.

Wenn wir fragen: Wer ist Protestant? Dann wird nur ein Teil der Christen die Hand heben. Wenn wir aber fragen: Wer ist getauft? Dann werden alle Christen die Hand heben.
Wenn wir fragen: Wer ist Katholik? Dann werden wieder nur einige die Hand heben. Aber wenn wir fragen: Wer ist Christ? Dann werden wieder alle die Hand heben können.
Wer betet das Gebet des Herrn, das Vaterunser? Dann werden sich wieder alle melden.

Und wenn wir lernen, dass mit dem Wort von der „katholischen“ Kirche in unserem Glaubensbekenntnis ursprünglich überhaupt nicht die römisch-katholische Kirche gemeint war, denn die gab es da so noch gar nicht, sondern dass eine Kirche gemeint ist, die den ganzen Erdkreis umspannt - dann müssen wir heute schon den Kreis schon gar nicht mehr so eng ziehen.
Denn der Herr der Kirche ist und bleibt ja nun mal Jesus Christus - und sonst niemand. Und wenn einer die Kirche einen kann, dann ist es Gott selbst. 

Jesus betet um die Einheit. Es ist sein Gebet. Und wenn ER den Vater bittet, dann wird der Vater ihn erhören.
Und deshalb dürfen wir sicher sein: Wir sind auf dem Weg zur Einheit.

Und deshalb müssen wir aufpassen, dass wir uns der Erhörung des Gebets Jesu nicht in den Weg stellen – mit unseren Vorstellungen von der Einheit. Vielleicht denkt Gott da ganz anders.
Denn Gottes Geist weht ja bekanntlich wo und wie ER will - und nicht, wie wir es ihm so gerne vorschreiben.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich bin sicher: Gott ist in seinem Himmel schon längst viel weiter, wenn es um die  Einheit geht, als wir hier auf Erden.
Denn er ist nicht ängstlich und vor allem nicht kleinlich - sondern sein Herz ist weit und seine Liebe kennt keine Grenzen – und ganz bestimmt nicht die, die wir Kirchen so gerne und so schnell ziehen.

Amen.

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch