Predigt von Richard Baus zum Fest Christi Himmelfahrt, Lesejahr C

Liebe Schwestern und Brüder,

Abschied nehmen ist immer schwer im Leben. Das kennen wir aus unserem Alltag: Abschied von lieben Freunden und Verwandten vor einer großen Reise zum Beispiel.
Abschied aus dem Elternhaus, aus einer Firma oder einem Konvent – oder gar wenn es der Abschied für immer ist, wenn wir einen Menschen in ein Grab legen müssen. Abschiede sind immer kleine Tode.

Und dennoch, Abschiede sind oft auch höchst wichtige Momente, an denen sich etwas Entscheidendes tut. Ein Abschied kann auch bedeuten: Jemanden loslassen - und sich dann selbst auf die eigenen Füße stellen.

Abschied kann dann heißen: Erwachsen werden und selbständig sein. Und dazu gehört auch, dass wir uns von alten bekannten Bildern und Vorstellungen in unseren Köpfen verabschieden --- damit dort Platz wird für Neues – so dass eine neue Zukunft anfangen kann.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich denke, von all dem hat auch dieses Christi Himmelfahrt etwas an sich: Da müssen die Jünger Abschied nehmen von einem geliebten Menschen, der sie eine gute Zeit lang begleitet, der mit ihnen gelebt und der ihr Leben total verändert hat.

Sie haben Jesus predigen und lehren gehört, sie haben seine Wunder miterlebt, sie waren Zeugen seines Todes und seiner Auferstehung – und selbst nach seiner Auferstehung hat er sie noch eine Zeit lang begleitet, war er für sie erfahrbar --- aber nun muss Jesus ihnen klar machen, dass das ein Ende hat. Nachdem er ihnen so lange ein Wegbegleiter und Lehrer war – da muss er sie nun in die Selbstän-digkeit hinein entlassen....

Jetzt sind sie dran. Jetzt sind ihre Wunder und ihre Predigt gefragt. Nun müssen sie Wegbegleiter sein für andere. Sie sind die lebendigen Zeugen der großen Taten Gottes.
Jetzt kommt es auf sie an.
Ihr seid Zeugen dafür, so sagt Jesus ihnen zum Abschied.
Und mitten im Abschiednehmen segnet er sie. Dieser Segen, das ist sein allerletztes Geschenk an sie.

Der Apostelgeschichte nach verstehen die Jünger das anfangs wohl überhaupt nicht. Sie stehen da und schauen nach oben – sie haben das Nachsehen. Und da muss erst einer kommen und ihnen sagen: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut nach oben. Schaut nicht in die Luft, sondern auf die Erde! Versinkt nicht in Trauer, sondern macht euch auf die Socken. Erinnert euch an das, was der gesagt hat, dem ihr da so nachschaut –
und jetzt geht, seid jetzt seine Zeugen.

Aber dann raffen sie es: Sie bleiben nicht auf dem Berg, sondern sie gehen in die Stadt, zurück nach Jerusalem – das heißt, sie kehren ins Leben zurück – und zwar als Gesegnete - und voll Freude, wie das Evangelium ausdrücklich beschreibt ---
denn sie wissen, der Herr lässt sie nicht allein mit ihrem Auftrag, sondern er ist bei ihnen, alle Tage – bis ans Ende der Zeit.

Er gibt ihnen nicht nur eine Aufgabe, sondern auch eine Gabe: seine Kraft, seinen Beistand, seinen Geist ----
und auf den warten sie nun in Jerusalem in betender Gemeinschaft.

Sie nehmen sich Zeit, um Abschied zu nehmen von ihm, von den gewohnten und vertrauten Bildern und Erfahrungen – damit sie so Platz machen in ihren Herzen und Köpfen für Neues: für neue Erfahrungen, für neue Möglichkeiten, für einen neuen Geist in ihrem Leben –

Zeit, damit sie auch in ihre neue Rolle hineinwachsen können, damit sie  „erwachsen werden“ können.
  

Liebe Schwestern und Brüder.

heute feiern wir Christi Himmelfahrt – und  dann heißt das:
Jetzt sind wir dran. Jetzt müssen wir Zeugnis ablegen für einen offenen Himmel. Für einen Himmel, der allen Menschen offen steht.

Aber wie tun wir das? Indem wir einfach immer so weitermachen wie bisher? Immer nach den „alten Mustern“, die wir mal gelernt und übernommen haben?
Oder ist dieses Fest Christi Himmelfahrt nicht mal die Einladung, nachzufragen, ob wir da immer noch bei unserem „Kinderglauben“ stehen geblieben sind – oder ob wir da vielleicht auch „erwachsener“ geworden sind. Haben wir immer noch die Gottesbilder „von früher“ im Kopf – oder hat sich da was verändert?

Geben wir immer nur die angelernten Glaubenserfahrungen der anderen weiter – oder haben wir den Mut, auch mal von unseren eigenen Gotteserfahrungen zu sprechen; davon wie ich selbst diesen Gott sehe und erfahre. So dass ich von „meinem Gott“ sprechen kann – und nicht „nur“ vom Gott der anderen, vom Gott des Katechismus,
vom Gottesbild des Kardinals X oder dem Kirchenbild des Pfarrers Y.
Nein, von meinem Gottesbild, von meinem Kirchenbild.

Denn wenn wir uns und unsere Kirche ernst nehmen, dann dürfen wir doch sicher sein, dass wir –wie die Apostel – doch auch „Gesegnete“ sind – und in Taufe und Firmung auch beschenkt mit Gottes gutem Geist.

Vielleicht sollten wir diese Tage vor Pfingsten, die Pfingstnovene, nutzen, um mal in ganz persönliche Exerzitien zu gehen - und nachschauen, aus welchen alten Formen und Normen wir eigentlich längst rausgewachsen sind – wir als einzelne, aber auch wir als Gemeinschaft.

Wir sollten einmal nachschauen, was wirklich noch „passt“ – in der Art und Weise wie wir beten und was wir beten–
ob wir noch in engen und ängstlichen Kinderbildern glauben, oder wir schon zu einem freien und mutigen Erwachsenenglauben gekommen sind, in dem Raum ist für den lebendigen Gott, der nicht dauernd danach fragt, was früher war,
sondern der uns zeigt, was uns heute und morgen noch alles blühen kann, wenn er in uns und mit uns wirken darf,
wenn er uns erfüllen kann mit seinem Geist,
damit wir zu einem Glauben finden, der so weit und so göttlich ist, damit wir darin auch wirklich leben können. 

Vielleicht dürfen wir dann entdecken, dass wir ja gar nicht mehr die „frommen und braven Schäfchen“ sein, die die Kirche von gestern so gerne hatte,

sondern vielleicht dürfen wir ja die lebendigen und die freudigen und mutigen Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung sein, die die Welt von heute braucht, um morgen noch eine Zukunft zu haben.

Menschen, die wissen, dass sie gesegnet und erlöst sind und die aus diesem Bewusstsein heraus diese Erde verwandeln können –
weil sie mit beiden Beinen auf dieser Erde stehen –
und in einer guter Verbindung mit dem Himmel leben.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch