Predigt von Richard Baus zum Karfreitag

Buch der Weisheit 2,12-20

  
Liebe Schwestern und Brüder,

vielleicht haben sie sich schon gefragt, was dieser schiefe Bilderrahmen hinter mir am Tabernakel soll? Schlimm sieht das aus. So unordentlich! So etwas stört einen. Und weil es stört, muss man dauernd hinschauen – und am Ende ärgert man sich drüber.

Ja, es geht uns gegen den Strich, wenn etwas so „aus dem Rahmen herausfällt“. Die Ordnung ist uns lieber.
Und noch mehr stört es uns, wenn nicht nur ein Rahmen schief hängt, sondern wenn ein Mensch aus dem Rahmen fällt:

Wenn da einer so ganz anders lebt als die anderen; wenn er sich Freiheiten herausnimmt, die wir uns nie herausnehmen würden; wenn einer Dinge sagt und tut, die wir uns nie trauen würden. Wenn einer sich nicht nur ganz anders anzieht als wir, sondern auch noch in Lebensumständen lebt, die uns einfach ärgern.

Muss man da nicht etwas dagegen unternehmen!? Muss man da nicht einschreiten? Ist das nicht auf die Dauer gefährlich, wenn man so einen Menschen dauernd vor Augen hat und frei herumlaufen lässt!?

„Lasst uns dem Gerechten auflauern! Lasst uns sehen, ob sein Leben wahr ist. Vielleicht hat er ja einen Fehler, so dass wir ihm beikommen und uns an ihm rächen! Denn so wie er lebt, ist er uns ein Dorn im Auge, ein lebendiger Vorwurf. Er ist unbequem und steht unserem Tun im Wege!“ So hieß es eben in der Lesung.

Und die Menschen, die da so reden, die reden nicht von einem Mörder, nicht von einem Sittenstrolch, sondern vom Knecht Gottes. Ja, dieser Gottesknecht, ist ihnen lästig, weil er so total anders lebt als sie – und deshalb aus dem Rahmen fällt:

Aber er lebt nicht anders, weil ihm alles andere egal wäre, sondern im Gegenteil: Er lebt so anders,  weil er ganz und gar nach dem Gebot Gottes lebt.

Und genau das nimmt ihnen den Atem, denn so gut sind sie nicht. Und genau das ärgert sie.

Sie wären sicher gerne genau so wie er, genau so konsequent. Aber das schaffen sie nicht. Und so ist er ihnen ein lebendiger Vorwurf.
Und damit das aufhört, deshalb muss er weg aus ihren Augen, muss er verschwinden. Damit sie ihre Ruhe haben.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

so wie diesem Gottesknecht ergeht einige hundert Jahre später dann Jesus: Auch er musste weg, auch er musste ans Kreuz, damit die Frommen seiner Zeit sich nicht länger ärgern mussten über diesen Menschen, der so aus dem Rahmen fiel, dass es für sie unerträglich war.

Aber noch einmal, damit wir es nicht vergessen: Er war ihnen ein Ärgernis, weil er gut war, besser als sie selbst.
Und er fiel aus dem Rahmen – nicht weil er gott-los war, sondern weil er Gott näher stand als sie.

Nicht weil er gesündigt hatte, sondern weil er ein Freund der Sünder war und ihnen das Himmelreich versprach;
nicht weil er verdammt war, sondern weil er die, die sie zu Verdammten erklärt hatten, aus ihren Löchern herausgeholt, sie geheilt und sie wieder mitten ins Leben hineingestellt hat.

Und genau das war nicht anständig für diejenigen, die so gerne über den Anstand und über die Sitten der anderen wachten.
Das war nicht fromm für die Frommen, die absolut sicher waren, dass Gott doch die Bösen hinwegfegt von dieser Erde und nur die ganz Guten und Reinen am Ende belohnt.

Nein, was ER tat, das war nicht in Ordnung für sie, weil es total aus dem Rahmen herausfiel, aus dem Rahmen, den sie für ihr eigenes Gottesbild gezimmert hatten,
ein Rahmen, in dem kein Platz war für eine Liebe, die keine Grenzen kennt --
kein Platz für einen Gott dessen Güte größer ist als unser Herz und dessen Barmherzigkeit weiter ist als die Lücken in ihren Gesetzen. 
Kein Platz für einen Gott, der auch verzeihen konnte.

Und so musste Jesus sterben. – Weil er so anders war. Weil er so viel besser und liebender war als die Frommen von damals es aushalten konnten.

 
Aber, liebe Schwestern und Brüder,

ich weiß nicht, ob wir, die „Frommen von heute“, so viel anders sind als die von damals.
Es gibt oft so eine eigentümliche Gesetzmäßigkeit - auch in der Kirche - , die uns aufschrecken lassen muss:
Je frömmer Menschen sind, umso enger können sie sein;
je gesetzesfürchtiger -- umso gnadenloser;
je tugendhafter -- umso liebloser.   
Seltsam ist das manchmal.

 
Liebe Schwestern und Brüder, mal ehrlich:

wieviel Freundschaft und Liebe halten wir denn bei anderen aus, ohne gleich an etwas Unanständiges zu denken?
Wieviel Freiheit können wir bei anderen ertragen, ohne gleich an Unordnung und Sittenlosigkeit zu denken?
Wieviel Spielraum lassen wir in Glaubensdingen in der Kirche zu, ohne gleich nach dem Lehramt zu rufen?
Und wie weit darf denn jemand bei aus dem Rahmen fallen, bevor wir uns gleich das Maul über ihn zerreißen?

Vergessen wir nicht:
Jesus ist zwar für die Sünder gestorben, -- aber ans Kreuz gebracht haben ihn die Gerechten;
nicht die, die Gesetze übertreten haben, haben ihn gekreuzigt, sondern die, die die Gesetze ganz genau kannten.

Deshalb darf es uns heute, am Karfreitag, nicht allein darum gehen, dass wir vor Ergriffenheit die Köpfe senken und im Schmerz darüber versinken, was damals in Jerusalem geschehen ist, sondern wir müssen hellwach werden und darauf achten, dass wir nicht in die gleichen Fehler verfallen:

Dass wir nicht auch gleich alles mit Stumpf und Stil ausrotten wollen, was anders ist als wir und was nach unserem Gefühl „aus dem Rahmen fällt“!
Sondern wir müssen nachfragen, was Gott uns denn vielleicht sagen will mit dem, was so anders ist.

Müssen wir uns immer gleich ärgern über das, was anders ist als wir – oder können wir es nicht einfach mal stehen lassen und darüber nachdenken?
Müssen wir alles immer gleich verurteilen, oder können wir erst mal versuchen zu verstehen, warum das so ist?  
Müssen wir immer gleich bestrafen, oder können wir auch vergeben?

Gewiss, leicht ist das nicht; denn das verlangt Nachdenken und Überlegen – und es verlangt den Mut, auch mal selbst aus dem Rahmen zu fallen –
eben anders zu reden als so viele es am Stammtisch oder Küchentisch tun;
anders zu urteilen und zu handeln, als die Masse es um uns herum tut;
und anders zu sein, als „man“ halt so ist in dieser Zeit. –

Eben so zu urteilen und zu handeln wie Jesus es getan hat, als er auf dieser Erde lebte –
so anders
, dass es den Juden ein Ärgernis war – wie Paulus schreibt – und für die Heiden einfach zum Lachen.
So anders, dass man ihn dafür gekreuzigt hat.
Auch heute noch!

  
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch