Predigt von Richard Baus zur Osternacht, Lesejahr C

Lk 24,1-12

 
Liebe Schwestern und Brüder,

da haben sich ein paar Frauen in aller Frühe auf den Weg gemacht, um dem toten Herrn die letzte Ehre zu erweisen: Den toten Leichnam wollen sie salben, um ihm wenigstens so etwas von der Würde zurückzugeben, die man ihm bei der Kreuzigung genommen hatte, als er dort nackt und bloß, blutend und geschunden der Menge zur Schau gestellt wurde.
Sie haben unter dem Kreuz ausgehalten. Sie haben mit angesehen, wie der Soldat dem Leichnam die Lanze in die Seite gestoßen hat, um sicher zu sein, dass der am Kreuz auch wirklich tot ist. Und sie waren sicher zugegen, als die Männer Jesus ins Grab gelegt haben - eilig, weil der Sabbat vor der Tür stand.

Die Frauen wissen: Er ist tot. Und was tot ist, das bleibt tot. Da beißt keine Maus mehr einen Faden ab. Noch einmal salben, um dem Herrn ein letztes Mal ihre Liebe zu erweisen, mehr können sie nicht mehr tun. Und dann ist Ruhe. Ewige Ruhe.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Jesus ist in der Tat tot, so wie jeder Mensch am Ende seines Lebens tot ist.
Und wenn wir so landläufig sagen, Jesus sei von den Toten „auferstanden“, dann klingt das missverständlich. Dann klingt das so, als wäre Jesus irgendwann in der dunklen Nacht aus eigener Kraft aufgestanden, hätte seine Sachen gepackt und sei davongegangen.

Aber der kann nichts mehr. Der hat nicht ein bisschen geschlafen und wird dann wieder wach. Nein, da ist alles aus und vorbei. Wie bei einem von uns, wenn er tot ist.
Wenn da noch irgendetwas kommen soll, dann muss ein anderer etwas tun, dann braucht er Hilfe, Hilfe von außen - mehr noch: er braucht Hilfe von oben. Von Gott.
Denn wenn hier noch irgendeiner etwas tun und ändern kann, dann einer, der stärker ist als der Tod, der Herr ist über Leben und Tod -- dann ist es Gott. Dann muss Gott ihn auferwecken von den Toten

 
Und genau das, liebe Schwestern und Brüder, hat Gott getan.
Gott hat seinen Sohn, den er um unseretwillen in die Welt gesandt hat, der unser menschliches Leben auf sich genommen hat, um uns die Liebe des Vaters, unseres Vaters, zu verkünden, wieder Leben geschenkt. Er hat ihn nicht im Tod belassen, sondern er hat ihn auferweckt von den Toten.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

das ist das Geheimnis dieser heiligen Nacht. Das ist das Geheimnis, das wir am Osterfest feiern:
Gott lässt seinen Sohn nicht im Tod. Gott lässt niemanden im Tod.
Sondern dieser Gott macht Aufstand gegen den Tod. Er macht Aufstand gegen alles, was uns Menschen das Leben nimmt. Denn er hat uns doch geschaffen, damit wir das Leben haben, weil er doch ein Gott der Lebenden ist und nicht der Toten. Denn von Toten hat niemand was, von Toten hat nicht mal Gott was.
Deshalb ruft er seinen Sohn ins Leben zurück – und deshalb wird er auch uns ins Leben zurückrufen, dann, wenn wir das Leben in dieser Welt beendet haben. Damit wir dann auf ewig leben – in seinem Reich. Bei ihm.

Wie Gott das gemacht hat, wissen wir nicht. Das ist und das wird das Geheimnis dieser Nacht bleiben, das Geheimnis Gottes.

Aber ich bin auf eine kleine Geschichte von Andrea Schwarz gestoßen, die mit unseren menschlichen Vorstellungen das zu erklären versucht, was wir eigentlich nicht verstehen können.

Da heißt es: Ein kleines Mädchen hatte eine Puppe, die vom vielen Halten und Spielen und Schmusen schon zerzaust und zerlumpt war.
Eines Tages sagte eine Dame zu dem Mädchen: „Aber mein liebes Kind, wie kannst du eine solche Puppe aufheben, die ist doch wirklich nicht mehr schön!“
Die Kleine - ganz überrascht und erstaunt- sah ihre Puppe an, schloss sie dann fest in ihre Arme und drückte sie ganz lieb an sich. Dann drehte sie sich zu der Dame um und sagte mit strahlenden Augen:
„Guck ´mal, jetzt ist sie aber wieder ganz schön!“

   Liebe Schwestern und Brüder,

was für ein schönes Bild: Da nimmt dieses Kind das, was es so sehr liebt, was aber im Laufe der Zeit seine Schönheit und sein Leben verloren hat und drückt es voll Liebe an sein Herz.
Und diese Liebe macht in seinen Augen alles wieder gut; diese Liebe macht alles wieder lebendig. Eine Liebe, die Leben schenkt, neues Leben und neues Ansehen. Liebe, die stärker ist als der Tod.
Und genau so wird das Gott wohl mit uns machen. Aus Liebe.

Dann, wenn für uns Ostern ist.
Gibt es eine bessere und schönere Erklärung für Ostern?! Für Auferstehung!?

Ich weiß, die Theologen werden mit den Augen rollen und die Köpfe schütteln wegen dieses Versuches, das Geheimnis so zu erklären.
Das wird den Theologen zu einfach sein.
Aber mir gefällt diese Geschichte. Mir gefällt der Versuch dieser Erklärung.
Denn mir sagt er: Für Gott gibt es kein „zu hässlich“ oder zu „heruntergekommen“. Denn er hat einen anderen Blick als wir, den Blick der Liebe. Und in seinen Augen verliert nichts an Wert. Und deshalb kann und darf uns auch niemand unseren Wert nehmen, nicht einmal der Tod. Denn über allem und vor allem ist Er, unser Gott.

Da wo der Mensch mit all seinem Latein am Ende ist, da fängt Gott erst so richtig an. Und wo all unser menschliches Tun und Machen nicht mehr weiterkommt, da schafft es aber immer noch Gott.
Und selbst wo uns Menschen in unserem Leben alles daneben gegangen sein mag, so dass wir „für die Welt“ wirklich nicht mehr ansehnlich und vorzeigbar sind, da sind wir aber immer noch Kinder dieses Gottes, die er doch liebt – und die er deshalb nicht wegwirft oder ausrangiert, sondern die er an sein Herz drückt, damit wir wieder so werden, wie wir am Anfang waren. Neu und schön. Eine neue Schöpfung. Geschaffen für das ewige Leben – in der Herrlichkeit Gottes.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

das ist die Verheißung von Ostern, die uns zugesagt und geschenkt ist – und die wir heute feiern können:
Dann, wenn wir nicht mehr weiterkönnen - dann dürfen wir auf Gott vertrauen.
Wenn wir am Ende sind, dann dürfen wir auf Gott hoffen.
Wenn bei uns alles vorbei ist, wenn wir tot sind und im Grab liegen, wenn keiner mehr einen Pfifferling für uns geben wird, dann wird er uns in seine Hände nehmen und an sein Herz drücken – und zwar so voller Liebe und so voller Erbarmen, dass wir wieder Leben haben, sogar ewiges Leben.  

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch