HORIZONT
6 Zivilcourage, Mut und großes Gottvertrauen Waldbreitbach (as). Für SchwesterM. Anselma Müller war es eine sehr große Verantwortung, die sie 1942 als Oberin des Konventes in Ger- mete bei Paderborn auf sich nahm. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs versteckte sie dort die zum katholischen Glauben konver- tierte Jüdin Sofie Klenscher aus Neuwied. Noch 1992, also fünfzig Jahre später, erinnerte sich Schwester Anselma in einem Interview daran, wieviel Angst und Sorge sie in diesen Jahren hatte. Denn es war bei Strafe verboten, Juden Unterschlupf zu gewähren. Die damalige GeneraloberinMutterM. Menna Schäfer hatte Sofie Klenscher in die Obhut von Schwester Anselma gegeben. Ihr Mann hatte sich von ihr getrennt und ihre Töchter lebten bei Verwandten. Sie wurde in Neuwied von der Gestapo gesucht. In dem Altenheim, das dieWaldbreitbacher Franziskanerinnen wäh- rend der Kriegsjahre in Germete betrieben, lebte sie unter dem Namen Fräulein Braun. Ihre wirkliche Identität war lediglich der Gene- raloberin, demgeistlichen Rektor und Schwes- ter Anselma bekannt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ihre Mitschwestern erfuhrenwährend der gesamten Zeit nicht, wer die Frau wirklich war und warum sie aufge- nommen wurde. Schwester Anselma wurde 1903 in der Nähe von Adenau geboren. 1923 trat sie bei den Waldbreitbacher Franziskanerinnen ein und war zunächst in verschiedenen Filialen der Ordensgemeinschaft als Krankenschwester tätig. Als 1940 die Niederlassungen in Schiff- weiler und Ürzig geräumt werden mussten, weil sie im Bereich des Westwalls lagen, kam sie mit ihrenMitschwestern und den Bewoh- nern der Einrichtungen nach Germete in das leerstehende Mutterhaus einer Ordensge- meinschaft, die von den Nazis verboten wor- den war. Hier war sie die Oberin des Kon- ventes. Mutter Menna wusste wohl, dass sie ihr vertrauen und sich absolut auf sie verlas- sen konnte. Sonst hätte sie sie nicht mit einer so gefährlichen Aufgabe betraut. Und wie gefährlich und schwierig diese Auf- gabe werden würde, das war zunächst nicht abzusehen. Als Fräulein Braun erhielt Sofie Klenscher keine Lebensmittel- und Kleider- karten, denn sie besaß keine gültigen Papiere und die waren in der damaligen Zeit Voraus- setzung für die Versorgungmit Nahrungsmit- teln. Richtig schwierig wurde die Situation jedoch, als Sofie Klenscher schwer erkrankte. Sie konnte keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, dann wäre ihre Identität aufgeflogen. In dieser Zeit wandte sich Schwester Anselma an verschiedene Ärzte, die mit dem Haus in Verbindung standen. Sie alle lehnten eine Behandlung der schwerkranken Frau ab, weil sie sich selbst nicht in Gefahr bringen wollten. Schwester Anselma erhielt deshalb keine Medikamente für die hoch fiebernde und immer schwächer werdende Frau. Die Situa- tion schien ausweglos. Denn wenn Sofie Klen- scher verstorben wäre, hätte sie noch nicht einmal normal beerdigt werden können, weil dann ihre Identität bekannt geworden wäre. Und Schwester Anselma wusste, dass sie schwer bestraft werden würde, weil sie die Jüdin versteckt hatte. Sie habe, so gab sie in dem Interview 1992 zu, damals schon eine Grube imKlostergarten ausgehoben, umSofie Klenscher im Falle ihres Todes heimlich nachts zu bestatten. Die Waldbreitbacher Franziskanerin Schwester M. Anselma Müller versteckte während des Zweiten Weltkriegs eine Jüdin und rettete ihr damit das Leben Schwester M. Anselma Müller Foto: red
RkJQdWJsaXNoZXIy MzUyNzc=