Horizont 2015-01 - page 2

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Glauben heißt nichts anderes,
als die Unbegreiflichkeit Gottes
ein Leben lang auszuhalten
Schwester M. Irmgardis Michels hat viele Jahre die Entwicklung des Ordens maßgeblich mit
gestaltet und das Engagement der Waldbreitbacher Franziskanerinnen in der Hospizarbeit
begründet – eine Begegnung
1970. Parallel gründet und leitet sie auch die
Schule in Trier-Ehrang. Ob man ihr diese
beiden Aufgaben allein deshalb überträgt,
weil ihre Vorgesetzten ihre Talente und Fä-
higkeiten früh erkennen und richtig ein-
schätzten, oder ob dabei auch die Tatsache
eine Rolle spielt, dass sie als einzige Schwester
schon damals den Führerschein besitzt und
deshalb mobil ist, diese Frage wollen wir
nicht weiter vertiefen.
1970 wird Schwester M. Irmgardis erstmals
in den Generalrat gewählt und nimmt die
Aufgaben der Vikarin wahr. Das ist die Zeit,
als sich dank des Zweiten Vatikanischen
Konzils in der Kirche viele Türen und Fens-
ter öffnen und ein frischer Wind durch die
Institutionen weht. Und natürlich auch die
Orden erfasst.
„Wir waren sehr hierarchisch aufgebaut und
gegliedert und die Strukturen beherrschten
uns“, erinnert sich Schwester M. Irmgardis,
und gibt auch unumwunden zu, dass „wir
den Umbau unserer Gemeinschaft vielleicht
etwas zu schnell angegangen sind.“ Viele Mit-
schwestern, die ihr Leben lang nur diese fes-
ten Strukturen gekannt haben, erlebten dage-
gen die einschneidenden Veränderungen vor
allem erst einmal als Bedrohung.
In der Gemeinschaft bleibt in diesen Jahren
kaum ein Stein auf dem anderen. Die Ein-
richtungen – „wir hatten damals 64 Filialen“
– werden neu aufgestellt (manche allerdings
auch geschlossen) und bekommen eine Ver-
waltung, die diesen Namen auch verdient.
Der Orden stellt weltliche Mitarbeiter ein,
Schwester M. Irmgardis nennt die Pioniere
Schön, Karb und Zimmermann. Alle
Schwestern werden kranken- und später
auch rentenversichert. Als dann auch noch
der Klosterberg umgestaltet wird und „wir
die maroden Stallungen abgerissen haben,
da erschütterte das die Gemeinschaft wie ein
Waldbreitbach/Bad Breisig.
Es hätte nicht
viel gefehlt, und sie wäre damals bei den
Steyler Missionarinnen eingetreten; denn
eigentlich wollte sie ja in die Mission gehen.
Aber dann hört sie, dass die Waldbreitba-
cher Franziskanerinnen planen, sich in Bra-
silien zu engagieren, zieht ihren Antrag bei
den Steyler Missionarinnen zurück und tritt
1956 lieber der Waldbreitbacher Gemein-
schaft bei. Die Schwestern kennt sie schon
seit Kindertagen aus ihrer Heimatstadt Co-
chem. Während des Noviziates, so erzählt
Schwester M. Irmgardis Michels, habe sie
dann insgeheim auch noch mit der Mission
geliebäugelt. „Aber niemand hat mich ge-
fragt“, sagt sie, ohne dass in ihrer Stimme so
etwas wie Bedauern mitschwingt. Die Or-
densoberen hatten anderes mit ihr vor.
In Cochem an der Mosel ist sie geboren und
aufgewachsen; hat als 14-Jährige im März
1945 die Sinnlosigkeit des Krieges erlebt, als
Amerikaner und Waffen-SS erbittert um
den Cochemer Eisenbahntunnel kämpften,
unzählige Menschen verwundet oder getö-
tet wurden und viele (dazu zählte auch ihre
Familie) über Nacht ihr gesamtes Hab und
Gut verloren. „Das hat mich für mein gan-
zes Leben geprägt“, sagt sie. So lernt sie am
Marienkrankenhaus in Trier (also bei den
Waldbreitbacher Franziskanerinnen) die
Krankenpflege und schließt noch eine Aus-
bildung zur Medizinisch-Technischen Lehr-
assistentin an, bevor sie 1956 mit 26 Jahren
dem Orden beitritt.
Glauben heißt nichts an-
deres, als die Unbegreiflichkeit Gottes ein Le-
ben lang auszuhalten
– dieses Wort Pius’
XII., das auch ihr Vater stets beherzigt, ist da
so etwas wie ihr Leitspruch.
Nach dem Noviziat kommt Schwester M.
Irmgardis direkt nach Saarlouis in die Ver-
waltung und wird schon nach kurzer Zeit be-
auftragt, die Kranken- und Kinderkranken-
pflegeschule aufzubauen. Die leitet sie bis
Foto: ao
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