Horizont 2015-01 - page 7

7
horizont
überzeugende Art und Weise getan. Von
Anfang 1973 bis zu seiner Pensionierung im
Oktober 2003 „hat er unsere Gemeinschaft
durch die Verkündigung der Frohbotschaft
geprägt“, hat ihm Schwester M. Basina
Kloos, eine der vier Generaloberinnen, mit
der er in dieser Zeit zusammengearbeitet
hat, zu seinem 85. Geburtstag im vergange-
nen Jahr geschrieben. Heute lebt Werner
Zerfaß im Margaretha-Flesch-Haus in Hau-
sen, also am Fuße des Waldbreitbacher
Klosterberges, und besucht dort täglich die
älteren Schwestern, die hier ihren Lebens-
abend verbringen. Ihnen ist er nach wie vor
Begleiter und Seelsorger.
Als Werner Zerfaß nach Waldbreitbach
kam, waren die katholische Kirche und mit
ihr die Ordensgemeinschaften von der Auf-
bruchstimmung geprägt, die das 2. Vatikani-
sche Konzil entfacht hatte. Mit seiner Vor-
stellung von Seelsorge, nämlich auf die
Menschen zuzugehen und sie auf ihren
Glaubenswegen fragend, suchend und hel-
fend zu begleiten, stieß er in Waldbreitbach
auf offene Ohren. Dies in die Tat umzuset-
zen, war allerdings leichter gesagt als getan,
denn die Gemeinschaft zählte damals noch
rund 1.000 Schwestern und verfügte über
eine Vielzahl von Konventen, von denen die
meisten zwischenzeitlich gar nicht mehr
existieren.
Werner Zerfaß wurde so zu einem ständigen
Reisenden – in die Konvente und damit na-
türlich auch in die Einrichtungen der Wald-
breitbacher Franziskanerinnen. Er nennt
das „die Marienhaus-Familie“, und man
merkt, wie stark er sich auch mit der (alten)
Marienhaus GmbH identifiziert hat und es
auch mit dem Unternehmen heute noch tut.
Denn auch hier hat er Diskussionen und
Entwicklungen mit erleben und begleiten
dürfen, die den Ruf der Waldbreitbacher
Franziskanerinnen als fortschrittliche, ja
progressive Gemeinschaft gefestigt haben.
Wobei er sich gleichzeitig darauf verstanden
hat, auch als kritischer Wächter und Mahner
seine Stimme zu erheben, ohne – aber das
weiß jeder, der ihn auch nur ein wenig kennt
– dabei laut zu werden. Werner Zerfaß be-
sitzt halt das einmalige Talent, mit einfachen
Worten grundlegende Wahrheiten auszu-
sprechen.
Dieses Talent ist ihm natürlich auch in sei-
nem (Verkündigungs)-Alltag zugute ge-
kommen, wo er täglich gefordert war, Gottes
Wort in die Lebenswirklichkeit seiner Zuhö-
rerinnen zu übertragen. Das hat er, der 1954
in Rom zum Priester geweiht wurde und
(bevor er nach Waldbreitbach kam) Seelsor-
ger in der Pfarrei St. Martin in Trier war, au-
thentisch und damit überzeugend vermocht.
Deshalb sind die Waldbreitbacher Franzis-
kanerinnen sicherlich auch heute noch froh,
dass dieser bescheidene und zurückhaltende
Seelsorger sie drei Jahrzehnte lang als Geist-
licher Rektor begleitet und inspiriert hat.
Schwester M. Antonine Knupfer
Berufung
„Ich bin ganz unspektakulär in das Ordensle-
ben hineingewachsen“, sagt Schwester M.
Antonine. Mit Schwester M. Philippe, die als
Ambulanzschwester in ihrer Heimatstadt
Sinzig tätig und oft in ihrem Elternhaus zu
Gast war, wuchs sie auf. Regelmäßig am
Herz-Jesu-Freitag ging sie mit ihrer Mutter
zur Anbetung zu den Schwestern. Und fast
jeden Sonntag erlebte sie in ihrer Pfarrkirche
die Feier einer Taufe: „Die Aussage ‚Gott hat
dich lieb, er beschützt dich und ER geht dei-
nenWegmit dir’ hat mich jedes Mal berührt“.
Bei Exerzitien, die sie mit 16 Jahren besuchte,
kam ihr erstmals der Gedanke an ein Or-
densleben. „Als mich Schwester M. Philippe
einmal darauf ansprach, wies ich das weit von
mir. Ich ging ihr sogar aus demWeg“, erinnert
sich Schwester M. Antonine. Mit einer fran-
ziskanischen Jugendgruppe lernte sie später
das Mutterhaus in Waldbreitbach kennen.
Dort hörte sie von der Vision, dieMutter Rosa
in jungen Jahren hatte, als Jesus ihr das Klos-
ter aus seinem Herzen gab. „Das hat mich
nicht mehr losgelassen. ‚Da gehst du hin’ –
war mein Impuls.“ Nach ihrem Schulab-
schluss absolvierte sie einen Hauswirtschaft-
seinsatz auf dem Klosterberg, den sie
benötigte, um Krankenschwester werden zu
können. „Doch ich wurde erst einmal Or-
densfrau, denn nach nur drei Monaten bin ich
eingetreten“. Und diesen Eintritt hat Schwes-
ter M. Antonine nie bereut.
1,2,3,4,5,6 8
Powered by FlippingBook