Predigt von Richard Baus zum 2. Ostersonntag, Lesejahr A

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Sätze, die man mal gelesen hat und die sich einem dann fest einprägen und die immer mal wieder hochkommen. Bei mir ist es zum Beispiel die Frage:

„Wo lassen Sie eigentlich glauben? In Rom? Bei einem Kardinal? – Oder haben Sie einen eigenen Glauben?“

Eine spannende Frage, die wir ruhig mal ganz nahe an uns herankommen lassen sollten.

Haben wir wirklich einen eigenen Glauben? Selbst gemacht? So selbst gemacht, dass wir wirklich mit diesem Glauben und aus diesem Glauben heraus leben können?
Oder begnügen wir uns mit dem, was wir mal in Büchern gelesen haben – und was man uns von der Kanzel herunter sagt, was wir glauben müssen, damit auch wirklich katholisch sind?

Dieser Thomas, von dem wir da gerade gehört haben, will sich wohl nicht mit einem Glauben aus „zweiter Hand“ begnügen. Ihm genügt nicht das, was die anderen sagen, sondern er will seine eigenen Glaubenserfahrungen machen:

„Wenn ich Ihn nicht sehe mit seinen Wunden – und wenn ich meine Hand nicht in die Wunden legen kann, dann glaube ich nicht“.

Ja, Thomas will Sicherheit, Glaubenssicherheit.

Er will zu einem eigenen Glauben kommen; zu einem Glauben, auf den er sich verlassen kann und mit dem man leben kann – weil er weiß: Das stimmt auch wirklich!
Eigentlich doch vernünftig, oder?!
  

Und das Spannende an dieser Thomasgeschichte,
liebe Schwestern und Brüder, 
ist ja, dass Jesus sich anscheinend überhaupt nicht aufregt über diesen Thomas, sondern dass er diesem Thomas bei seiner Glaubenssuche auch noch beisteht.

Ja, Jesus kommt ihm ganz nahe, näher als den anderen Jüngern. Jesus zeigt diesem Thomas mit all seinen Zweifeln und Fragen, seine Wunden.

 
Mal ehrlich, liebe Schwestern und Brüder, wem würden Sie Ihre Wunden zeigen und sie berühren lassen?

Wem würden Sie ihre Verletzungen offenbaren?
Doch sicher nur jemandem, dem Sie vertrauen. Jemanden, dem Sie so viel Nähe schenken wollen – weil er ihnen wichtig ist..

Und Thomas scheint für Jesus zu den ganz wichtigen Menschen zu gehören – und so lässt er Thomas ganz nahe an sich heran.
Trotz seiner Zweifel und mit all seinem Unglauben darf er an die Wundmale Jesu rühren, sogar an dessen Herz-Wunde. 

Was für ein Jesus! Ohne Berührungsängste.
Er hält die Berührung durch Thomas nicht nur aus – nein, er will das sogar ---- damit dieser Thomas nicht herausfällt aus seiner Liebe und nicht verloren geht. Denn Jesus liegt etwas an diesem Thomas. 

Und genau diese Erfahrung verändert den Thomas:
Dass da ein Jesus ist, der nicht beleidigt ist, der nicht schimpft und ihm keine Vorwürfe macht, sondern der ihm hilft. Der ihm in dieser Glaubenskrise ganz nahe kommt, damit die Beziehung wieder stimmt.
Und so kann er sagen: Mein Herr und mein Gott.
MEIN Herr und MEIN Gott! -- und nicht der Herr des Kardinal X oder des Bischof Y

Sollte das da bei uns so ganz anders sein??????

Diese Geschichte sagt: Aus den Zweifeln des Thomas wächst ein neuer Glaube, ein neuer starker Glaube, mit dem und aus dem Thomas leben kann. Ein Glaube, den Thomas nicht auswendig gelernt hat, sondern der aus einer Erfahrung erstanden ist, die er gemacht hat. Die er machen durfte.
Ein Glaube, der wohl letztlich das Geschenk Jesu an diesen verunsicherten Thomas ist. Ein Geschenk – aus Liebe.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

Glaubenszweifel sind sicher nicht schön, denn sie können einen ganz schön verunsichern. Da kann man ganz schön ins Schwimmen geraten. – Und ich glaube, früher musste man das sogar beichten – als wäre es eine schwere Sünde.

Aber wenn man sich diesen Zweifeln und Fragen stellt, und den Mut hat, selbst nach neuen und eigenen Antworten zu suchen, dann kann daraus etwas Neues entstehen:

Wenn man merkt, dass man sich auch mal trennen muss von Gottesbildern, die belastend sind und einen runterziehen – weil man doch selbst Gott ganz anders erfahren und erlebt hat: Befreiender, größer und barmherziger.

Wenn man den Mut hat, Altes wirklich mal „in Frage zu stellen“ und in seinem Herzen Platz zu machen für einen „anderen“ Gott, für den Gott Jesus Christi, der wirklich Vater ist. 
Und dessen Vater-Sein nicht darin besteht, zu kontrollieren und zu strafen, sondern im Lieben und im Vergeben.

Dann kann da tatsächlich ein neuer Glaube entstehen. Ein Glaube, der vielleicht viel stärker und viel erfüllender ist als der alte es war. Weil dieser neue Glauben mit eigenen Erfahrungen zu tun hat und nicht mit Auswendig-Lernen.

Ein Glaube, der Geschenk ist. Geschenk dessen, der uns nicht fallen lässt, wenn wir Zweifel haben, sondern der uns so ganz nahe heranlässt an sich – mit unseren Zweifeln und Fragen, damit wir ihn dann ganz neu und voller Liebe erfahren können 

Und deshalb sind GlaubensZWEIFEL nicht unbedingt eine Katastrophe, sondern sie sind viel mehr eine Chance,
die Chance, den Herrn selbst zu erfahren – in unserem eigenen Leben; den Herrn neu entdecken zu können –
und so zu einem neuen, stärkeren Glauben zu kommen -

denn wir dürfen doch auch unsere eigenen Glaubenserfahrungen machen---
Und die können unter Umständen so ganz anders sein als die eines Schriftgelehrten, eines Wissenschaftlers, eines ausgewiesenen Theologen - aber sie werden dennoch richtig und wahr sein – weil das dann unser Glaube ist, entstanden aus unserer eigenen Begegnung mit Gott, aus unserer eigenen Begegnung mit dem Auferstandenen.

Bischof Spital hat uns bei einer Konferenz mit Seelsorgern und Seelsorgerinnen einmal gesagt: Es gibt die 4 Evangelien in unserer Bibel. Aber haben Sie doch den Mut, selbst ein 5. zu schreiben – und zwar Ihr eigenes Evangelium,
die Frohe Botschaft aus Ihren eigenen Erfahrungen und Ihren eigenen Begegnungen mit dem Herrn;
Erfahrungen, die er ihnen bei Ihrer Suche geschenkt hat.

Unser eigenes Evangelium. Das mag bei dem einen ein dickes Buch sein – bei dem anderen vielleicht nur ein dünnes.
Aber Hauptsache: Es gibt eins!
Hauptsache: Es gibt Glaubenserfahrungen, die tragen und Sicherheit schenken, weil man sie selbst gemacht hat - und denen man deshalb trauen kann.
  

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch

Unser Newsletter

Melden Sie sich jetzt zu unserem Newsletter an und erfahren Sie immer das Neuste über Projekte, Angebote und Wissenswertes zu unserer Gemeinschaft.

Diese Webseite verwendet Cookies.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren. Diese Cookies helfen uns dabei, Ihnen das bestmögliche Online-Erlebnis zu bieten und unsere Webseite ständig zu verbessern. Mit dem Klick auf den Button “Akzeptieren” erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Für weitere Informationen über die Nutzung von Cookies oder für die Änderung Ihrer Einstellungen klicken Sie bitte auf “Details”.

Sie geben Ihre Einwilligung, wenn Sie unsere Webseite weiterhin nutzen.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte unserer Datenschutzerklärung.

Impressum