Predigt von Richard Baus zum 20. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mt 15,21-28

   
Liebe Schwestern und Brüder,

wie geht es Ihnen mit diesem Jesus?
Da kommt eine Frau zu ihm mit einem echt großen Problem – und Jesus lässt sie einfach links liegen.
Da ist ein Kind krank, von einem Dämon besessen – und Jesus lässt das anscheinend total unbeeindruckt.
Und als die Frau, eine verzweifelte Mutter, ihn nicht in Ruhe lässt, da beschimpft er sie auch noch als Hund.
Sympathisch ist das ja wirklich nicht.

Nun, so seltsam das klingt, aber dieser Jesus verhält sich absolut korrekt – genau so wie es sich für einen ordentlichen und frommen Juden seiner Zeit gehört.
Denn diese Frau ist eine Heidin.
Und mit Heiden geben sich fromme Juden nun einmal nicht ab; das ist vom Gesetz verboten. Das ist eine Sünde. 
Und wenn sich die Begegnung mit einem Heiden nun mal gar nicht vermeiden lässt, dann lässt man ihn zumindest links liegen. 
Und die gängige Bezeichnung für Heiden war bei den Juden nun mal  „Hunde“ – so hat Jesus das gelernt, von Kindheit an.

Und wenn in der Geschichte die Jünger Jesus bitten, ihr doch zu helfen, dann hat das mit Mitleid überhaupt nichts zu tun, sondern sie wollen nur, dass sie endlich Ruhe gibt; denn es ist ihnen peinlich, dass eine wildfremde Frau auf der Straße hinter ihnen her schreit. So was wirft kein gutes Licht auf sie. Und zweimal nicht auf ihren Rabbi, auf Jesus.

    
Liebe Schwestern und Brüder,

eine wirklich spannende Geschichte, denn sie zeigt uns Jesus als „Kind seiner Zeit“: Als einen Juden, der mit Heiden nichts zu tun haben will – und auch nicht darf. Er ist davon überzeugt, dass er nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israels“ gesandt ist, um ihnen das Heil zu bringen – und der nicht will, dass etwas von diesem Heil verloren geht --- dass nichts davon den Heiden, nichts davon „den Hunden“ vorgeworfen wird.

Und dann geschieht das Unerwartete: Die Frau lässt sich nicht abschütteln und es gelingt ihr sogar, Jesus in ein Gespräch zu verwickeln.  Und genau dieses Gespräch bewirkt, dass sich bei Jesus etwas verändert. 

   
Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein wichtiger Moment im Leben dieses Jesus:
In diesem Gespräch entdeckt Jesus, dass sein Gott wohl doch größer ist als sein Volk sich das gedacht hat.
Jesus wird klar, dass sich das Heil Gottes nicht von irgendwelchen Grenzen aufhalten lässt, sondern dass Gott groß ist, groß und weit – und dass sein Heil grenzenlos ist.
Und dass auch eine Heidin zum Glauben an diesen Gott finden kann.
Und so ändert Jesus tatsächlich sein Verhalten.

Viele Theologen sagen: Das ist ein Punkt, an dem Jesus etwas lernt.
Ihm wird klar, dass er nicht nur für die verlorenen Schafe des Hauses Israel da ist, sondern für alle „Verlorenen“. Für alle, die das Heil Gottes brauchen, um leben zu können. 

Und so weiß er jetzt, dass auch er sich nicht aufhalten lassen darf von irgendwelchen Traditionen – und seien sie noch so alt und ehrwürdig. 
Er muss sein eigenes Leben leben – und nicht das, das irgendwelche Autoritäten oder Gesetze ihm vorschreiben. Er muss das leben, was Gott in ihm hineingelegt hat: Die Barmherzigkeit und die Liebe.

Und so endet diese Geschichte auf einmal mit einem sehr sympathischen Jesus. 

   
Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Evangelium erzählt von einem Jesus, der nicht stehenbleibt bei etwas, was früher war, sondern der dazulernt.
Es berichtet von einem Jesus, der sich weiterentwickelt und ganz Neues wagt – weil er genau darin den Willen Gottes für sich entdeckt hat.
Ein Jesus, der den Mut hat, bisherige Grenzen zu überschreiten und sich ins Weite führen lässt.
Dorthin, wo man aufatmen und leben kann.

Ein Jesus, der lernt, Neues lernt. Weil auch sein Glaube kein Zustand ist, sondern ein Weg.
Ein Jesus, der lernt, weil ja jeder Mensch lernen muss, um erwachsen zu werden. Und wenn er wirklich Mensch war, wie wir es in unserem Credo bekennen, dann musste auch er lernen.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

als dieses Evangelium aufgeschrieben wurde, da hatte sich das Christentum schon ausgebreitet – aber nicht nur innerhalb der jüdischen Welt, sondern auch darüber hinaus  - in eine Welt, die für die frommen Juden heidnisch war.

Und für so manchen Christen, der aus dem Judentum zum Christentum gekommen war, warf sich die Frage auf: Darf so etwas sein? Dürfen diese Christen sich so vom Judentum emanzipieren und sich unter den Heiden ausbreiten? Ist das nicht gegen den Willen Gottes?

Und der Evangelist stärkt mit dieser Geschichte den Christen den Rücken. Ja, das darf nicht nur so sein, sondern das muss so sein.
Diese Christen müssen sich einen eigenen Weg suchen. Sie dürfen nicht in den alten Grenzen stecken bleiben, sondern sie müssen ihren Horizont erweitern. Das ist die Herausforderung Gottes.
Und der Evangelist macht deutlich: Wenn sogar Jesus bereit ist, zu lernen,  wenn er bereit ist sich und seine Ansichten zu ändern, dann muss doch auch seine Kirche bereit sein, zu lernen, Neues zu lernen – und sich zu ändern.

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, sagt ein sehr wahres Wort.. 
Und abgewandelt könnte er heißen: „Nur wer sich ändert, bleibt Gott treu“ – denn Gott ist kein Museum, sondern er ist das Leben.

Wer Gott treu sein will, der darf sich nicht in einem Glauben einrichten, in dem alles immer bleiben muss, wie es „früher“ war. Sondern der muss fragen: Wie kann ich denn Gott heute zur Welt bringen? Wer braucht heute sein Heil? Und: Wer sind heute die „Hunde“, die Verachteten, denen auch die Kirche so gerne das „Brot“ vorenthält, weil sie anders leben als die Kirche das gerne vorschreibt. 
Haben diese „anderen“ kein Recht auf das Brot vom Tisch des Herrn? Kein Recht auf Gottes Heil?

Wenn man das heutige Evangelium ernst nimmt, dann muss man wohl sagen: Doch, auch sie haben ein Recht auf Gott und sein Heil. Denn Gott ist nicht katholisch oder evangelisch, Gott ist nicht Jude und kein Moslem, sondern er ist Gott.
Und zwar der Gott aller Menschen – der Gott der ganzen Welt –
Und er ist überaus barmherzig.
Und deshalb darf sich niemand diesem Gott in den Weg stellen.

Ein Jesus, der lernt, der dazu lernt – und der auf einmal Dinge tut, die er vorher nie gemacht hätte - weil er klüger geworden ist -- oder sagen wir es anders:  
Weil er auf einmal Gott besser verstanden hat. 
Diesen Gott, dem die Menschen wohl wichtiger sind als irgendwelche Vorschriften,
dem das Heil wichtiger ist als Religions- und Landesgrenzen.
Und für den es kein Halten gibt, wenn ein Mensch, der Hilfe braucht, nach ihm ruft, ---
sondern der dann alles für diesen Menschen tut, egal zu welcher Religion er gehört...
weil er liebevoll und barmherzig ist.

Ein Jesus, der lernt.
Und der genau damit seiner Kirche von heute ein Lehrer sein will.    

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch

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