Predigt von Richard Baus zum 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mt 22,34-40

  
Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Gesetzeslehrer, von dem wir da gerade im Evangelium gehört haben, ist Fachmann in Sachen Gesetzen und Geboten. Da kennt er sich aus sich.
Und er will Jesus wohl auf den Zahn fühlen, ob der die Gesetze denn auch wirklich so gut kennt wie er.

Wenn wir hier von Geboten und Gesetzen sprechen, dann dürfen wir nicht meinen, es gehe allein um die 10 Gebote. Weit gefehlt. Im damaligen Judentum gab es ungefähr 365 Verbote und 248 Gebote, die alle beachtet werden wollten.
Über 600 also!  
So viele, dass ein normaler Mensch sie gar nicht alle kennen konnte;
und wenn er sie alle gekannt hätte, er hätte sie gar nicht alle halten können – zumindest nicht, wenn er noch seinem Beruf und seiner Arbeit nachgehen wollte. Denn diese Gesetze haben alles und jedes noch so kleine Detail im Alltag eines gläubigen Juden genau geregelt. Da immer genau aufzupassen, das nahm schon sehr viel Zeit in Anspruch.

Da ist es schon mutig, wenn Jesus all diese 600 Gesetze einfach zusammenfasst in diesem einen Doppelgebot: 
Du sollst Gott lieben aus ganzem Herzen ….. und deinen Nächsten wie dich selbst.

Gott lieben - und den Nächsten und zwar so, wie sich selbst.
Und das Spannende: Jesus setzt diese Gebote einander gleich. Keins wäre so wichtig, dass das andere dafür übersehen werden dürfte.
Nicht erst das eine tun - und dann vielleicht das andere, sondern beides miteinander, gleichzeitig.
Und nicht nur Gott und den Nächsten lieben, sondern auch noch sich selbst.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesem Doppel-Liebesgebot, da fasst Jesus zusammen, was ihm wichtig ist
Dass da ein Gott ist, der nicht alle Liebe für sich alleine beansprucht, sondern der will, dass wir diese Liebe teilen - mit den Menschen.
Ein Gott, der nicht will, dass wir nur ihn alleine in den Blick unseres Handelns nehmen, sondern der will, dass wir auch unsere Mitmenschen in den Blick nehmen - und mehr noch: auch noch uns selbst.

Ein Gott, der nicht das Entweder-Oder will: Entweder Gott oder den Menschen, sondern immer das Und. Gott und den Menschen.
Ein Gott, der sogar will, dass wir uns selbst lieben,  uns selbst achten und auf uns selbst Acht haben. 
Wie wohltuend ist das doch.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Jesus verkündet einen Gott, der nicht will, dass wir irgendetwas an uns selbst verachten und kleinhalten oder klein machen, sondern der geradezu „wünscht“, dass wir auch gut zu uns selbst sind, --- weil er weiß, dass man zu anderen nur dann wirklich gut und liebevoll sein kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man auch gut mit sich selbst umgeht.

Dafür, dass dieses Gebot von Jesus selbst so formuliert worden ist, ist unsere Kirche lange nicht sehr gut mit diesem Gebot umgegangen. Wie oft hat sie es dann doch  „durchnummeriert“ - und dann stand als oberstes Gebot immer die Gottesliebe. Als zweites kam dann gerade noch die Nächstenliebe, - und das Dritte, die Liebe zu sich selbst, die fiel dann schon eher unter den Tisch. Wie schnell wurde die Sorge um sich selbst dann Egoismus oder Selbstsucht genannt - und das durfte ja nicht sein.

Aber Jesus will es anders. Dieses UND ist ihm wichtig.
Denn Jesus weiß: Das eine geht nicht ohne das andere.
Es gibt keine Liebe zu Gott, wenn es nicht zugleich die Liebe zu den Menschen gibt, denn in ihm ist Gott doch Mensch geworden
Wer Gott sucht, der kann nicht am Menschen vorbei-suchen. Wer Gott lieben will, der kann nicht am Nächsten vorbei-lieben - auch nicht vorbei an sich selbst.

Und wenn für Jesus die Liebe zu Gott etwas Heiliges ist – und wenn die Liebe zum Nächsten etwas Heiliges ist, dann ist doch auch die Liebe zu mir selbst etwas Heiliges.
Denn auch ich trage doch das Antlitz Gottes, sein Bild…

 
Liebe Schwestern und Brüder,

mit der Gottesliebe geht es bei uns ja meist ganz gut. Gott geht einem ja auch nicht so häufig auf die Nerven wie Menschen das tun können.
Aber eben mit dem Nächsten klappt es dann nicht so gut. Weil der uns halt doch schon mal nervt - der Ehepartner, die Mitschwester, der Kollege bei der Arbeit und und.

Ich habe unlängst eine anregende Überschrift gelesen. Da stand über einer kleinen Abhandlung über die Nächstenliebe:
Nein, Du nicht. Der Nächste bitte!
Denn wie gerne suchen wir uns die Nächsten doch lieber aus. Am Besten bei den Fernsten; wenn es sein muss, in Afrika oder so. Je weiter weg, um so besser. Denn wen wir nicht kennen, der ärgert uns ja auch nicht.

Aber vielleicht geht es mit dem „wirklich Nächsten“ ja so schwer, weil wir diese NächstenLIEBE auch so überhöht  und überfrachtet haben. Ja, Liebe ist wichtig.
Aber man kann in der Tat nicht jeden liebhaben,  wie man einen Freund oder eine Freundin liebt. 
Damit wären wir wirklich überfordert. 
Man kann nicht jeden in die Arme nehmen. Und manchmal kann der Nächste ja auch wirklich so unerträglich sein, dass man schon mal ein deutliches NEIN zu ihm sagen muss.

Aber so weltfremd ist auch ein Jesus nicht, dass er Unmögliches von uns erwarten würde.

Vielleicht würde Jesus die Nächstenliebe heute so buchstabieren:
Versuche doch, jeden sein zu lassen, wie er ist und erwarte nicht, dass er so ist, wie du ihn gerne hättest.
Akzeptier ihn einfach. Und wenn es nicht geht, dann gib aber Acht, dass du deinem Nächsten, den Du nicht magst, aber nicht schadest. 
Erzähl nichts Negatives über ihn; leg ihm keine Steine in den Weg - und sei wenigstens höflich zu ihm. 
Wenn du ihn auch nicht lieben kannst wie einen Freund, dann schau ihn aber wenigstens hin und wieder an - damit er sein Ansehen behält. 

Und sorge dafür, dass die Gerechtigkeit gewahrt bleibt. 
Dass auch der andere das bekommt, was Gott ihm zugedacht hat - weil du das doch auch für dich selbst so erwartest.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

Nächstenliebe ist sicher nicht einfach, aber Jesus erwartet sicher nichts über-menschliches und zweimal nichts un-menschliches von uns, sondern da dürfen wir Mensch bleiben. Und wir müssen auch nur tun – wie bei der Gottesliebe - was „menschenmöglich“ ist. 
Was nicht möglich ist, daran müssen wir uns nicht verheben.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

Gott ist wichtig und wir Menschen sind auch wichtig, 
allein schon deshalb, weil wir Gott wichtig sind.

Und deshalb legt der Herr uns ans Herz: Liebe Gott - und sei achtsam gegenüber deinem Nächsten – und achtsam  gegenüber dir selbst.
Denn der Nächste ist genauso Sohn und Tochter dieses Gottes - wie du selbst.      

 
Amen

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch

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