Predigt von Richard Baus zum Ostersonntag, Lesejahr A

Mt 28,1-10 (aus Osternacht)

  
Liebe Schwestern und Brüder,

Ostermorgen – ein Morgen mit Schrecken, aber auch mit Wundern.
Da hören wir von Erdbeben, von aufgebrochenen Gräbern, von einem Engel, der wie ein Blitz ist und einen umwirft --- und von jenen Frauen, die sich in aller Herrgottsfrüh auf den Weg gemacht haben, um einem Toten, den man in aller Hast und Eile begraben hatte, noch die letzte Ehre zu erweisen.

Sie wollen wohl noch einmal ordentlich Abschied nehmen von ihm, damit sie ihn dann in Frieden ruhen lassen können.

Aber dazu kommt es nicht. Gott ist ein „Frühaufsteher“.
Noch bevor die Frauen sich auf den Weg zum Grab machen können, da war er schon da – und er hat den auferweckt, den ins Leben zurückgerufen, der das Leben ist; das Leben für uns Menschen, das Leben für alle, die an ihn glauben und auf ihn ihre Hoffnung setzen.

Jedoch genau das müssen diese Frauen erst einmal lernen. So weit sind sie noch nicht. Diese Frauen sind noch mitten im Karfreitag - und da ist für Ostern noch kein Platz in ihrem Kopf und erst recht nicht in ihrem Herzen. Und so braucht es einen Engel, einen Helfer.

Anscheinend ist er ein geschickter Engel, pädagogisch begabt --- denn er holt die Frauen zunächst erst einmal dort ab, wo sie stehen: In ihrer Angst. In ihrer Hilflosigkeit.

„Fürchtet euch nicht“, so sagt er zu ihnen. Habt keine Angst. Und dann beginnt er mit seiner Arbeit: den Frauen dabei zu helfen, Jesus wieder bei den Lebenden zu suchen – damit sie ihm auch wieder begegnen können.

„Ich weiß, was ihr hier wollt, so sagt er. Ich weiß, warum ihr hier seid. Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.“ Damit beginnt er seine Arbeit.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

das ist eine ganz spannende und wichtige Stelle in diesem Evangelium: Diese Frauen suchen einen Gekreuzigten, das heißt einen Toten; und ein Toter liegt nun mal in einem Grab. Und so sind sie auf ein Grab fixiert. Nur dort kann er sein!

Aber was ist, wenn es anders ist???

Solange diese Frauen nur einen Gekreuzigten im Kopf haben, werden sie gar keinen Blick für einen Lebendigen haben. Solange sie innerlich so auf „Tod“ eingestellt sind, werden sie an „Leben“ gar nicht denken können. Und so muss auch dieser Engel erst einmal die alten, festgefahrenen Gedanken dieser Frauen aufbrechen und wandeln, damit sie für die neue Wirklichkeit überhaupt einen Blick haben.

Und damit sie neue Gedanken überhaupt zulassen:
Nicht mehr den Gekreuzigten suchen, sondern den Auferstandenen.
Nicht mehr einen Toten, sondern einen Lebendigen.

Etwas Neues! Und so führt der Engel sie im Grab herum; er zeigt ihnen, wo sie etwas zu finden erwarten, das aber nicht mehr da ist - wo er gelegen hat, aber wo er jetzt nicht mehr da ist ---- und er zeigt ihnen eine neue Richtung auf, in der sie suchen müssen:
Bleibt nicht an einem Grab stehen, sondern geht ins Leben.
Habt ein neues Ziel vor Augen: Geht zu den Jüngern und verkündet ihnen, was los ist, damit auch sie ihn finden können und sehen können.

Und mit dieser Sendung schickt er sie los - und macht ihnen Beine.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wie flexibel sind doch diese Frauen, dass sie nicht festhalten an ihren alten Vorstellungen und Gedanken, sondern sich ihren Blick weiten und wenden lassen;
dass sie nicht irgendwo stehen bleiben, sondern sich verändern lassen;
dass sie nicht sagen: Was nicht sein kann, das darf nicht sein, - wer tot ist, ist tot- sondern dass sie ganz Neues für möglich halten ----
und dass sie diesem Engel mehr glauben, mehr zutrauen als sich selbst und mehr als ihren bisherigen Vorstellungen.

Eines der Wunder dieses Ostermorgens!

Und so können sie sich als Veränderte auf den Weg machen – mit einer neuen Hoffnung, mit neuen Augen, die nicht immer nur rückwärts schauen, wie es mal war, sondern die nach vorn schauen können und die geöffnet sind für die Wunder Gottes ---

Und so können sie auch tatsächlich dem Auferstandenen begegnen und ihn erkennen --- als er ihnen eben nicht aus dem Grab entgegen kommt, sondern von der anderen Seite, von der Seite des Lebens.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

Gott, der ein Frühaufsteher ist - und der alles neu machen kann, sogar Tote lebendig machen kann. Bei diesem „Oster-Gedanken“ bin ich hängen geblieben.
Gott, der früh unterwegs ist - und der sich nicht festhalten lässt: nicht in Gedanken, nicht in Vorstellungen - und auch nicht von Grabsteinen.
Ein Gott, der vielleicht schon gar nicht mehr dort ist, wo ich ihn immer noch vermute - und wo ich ihn auch so gerne hätte: nur in der Kirche, nur auf dem Altar, nur im Tabernakel, sondern ein Gott, der schon längst woanders ist: mitten im Leben, --- irgendwo, wo ich ihn vielleicht überhaupt nicht vermute.
Ein Gott, den ich so leicht übersehen und so schnell verpassen kann, wenn ich nur an meinen alten festgefahrenen Vorstellungen hänge – wie dieser Gott ist und sein muss, weil das ja schon immer so war.

Und deshalb ist Ostern ist die Herausforderung, doch auch mal Neues und Ungewohntes in unseren Köpfen zuzulassen, neue Gedanken und neue Vorstellungen zu wagen - mal alte Grabsteine wegzuwälzen, damit neues Leben zum Vorschein kommen kann.
Den Herrn nicht nur dort zu suchen, wo wir ihn bisher immer festgemacht hatten, sondern in neuen Situationen - auch wenn die sehr sperrig erscheinen.
In neuen Menschen, die wir noch gar nicht kennen. Nicht nur bei den Frommen und Gerechten, die zu allen Sakramenten zugelassen sind, sondern auch bei denen, die weit davon entfernt sind, die aber gerade deshalb die Hilfe dieses Gottes brauchen –
Gott nicht nur in den alten, festgeschriebenen Dogmen suchen, sondern vielleicht viel mehr noch in den neuen Aufbrüchen, in einer Synode zuum Beispiel, in der Suche nach den Antworten auf die Fragen von heute.

In Gegebenheiten also, die so neu und unerwartet sind, dass sie einen vielleicht am Anfang erschrecken - wie diese Frauen erschrocken waren ---- aber Gegebenheiten, die sich dann als Tor für ein neues Leben erweisen können – dann, wenn endlich der Stein weggewälzt ist, der alles versperrt und blockiert hatte, der das Leben verhindert hatte.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

Ostern will sagen: Keine Angst vor Neuem.
Ostern will uns, unserer Gemeinde und Gemeinschaft - und uns als Kirche sagen: Keine Angst vor neuen Gedanken und Visionen. Keine Angst vor neuen Aufbrüchen.

Denn vielleicht ist es ja kein Erdbeben, wenn in unserer Kirche die alten Wände mal richtig wackeln, sondern vielleicht ist es ja ein Engel, der uns den schweren Stein wegwälzt, der uns schon zu lange gefangen gehalten hat - und der uns in neues Leben hineinruft.

Ein Engel, der uns den Blick in die richtige Richtung lenken will - damit wir vor lauter Festhalten am Alten, vor lauter Traditionen, das Neue nicht verpassen, in dem Gott lebendig mitten unter uns ist.

Und vielleicht schickt der Engel ja auch uns zu „unseren Brüdern“ – und den anderen Schwestern, die unseren Glauben so gut behüten, dass wir ihnen auch mal sagen müssen: Fürchtet auch ihr euch nicht!
Fürchtet Euch nicht vor der Auferstehung und nicht vor einer neuen Lebendigkeit; denn nicht alles was euch neu und fremd ist, nicht alles, was euch Angst macht, weil es euch mal aus dem gewohnten Trott und den gängigen Bahnen herauswirft, ist deshalb schon die Katastrophe, sondern vielleicht ist es ja, im Gegenteil, eine neue Chance –

die Chance zu viel mehr Möglichkeiten in unserer Kirche als wir selbst gedacht haben; mit viel mehr Lebendigkeit und Freude - und vor allem: mit viel mehr Nähe zu diesem Auferstandenen, eine Nähe, die auf Totes lebendig machen kann.

Eine Chance, die Gott uns schenkt, dieser Gott, der uns -wie diesen Frauen- zumutet, den auferstandenen Herrn eben nicht bei den Toten zu suchen, nicht nur in dem, wie es immer schon war und nicht nur in der Tradition, so wertvoll sie uns auch immer sein mag, sondern im Heute, bei den Lebenden – nicht auf einem Friedhof in Jerusalem, um noch einmal ein Bild aus dem Evangelium aufzugreifen, sondern in Galiläa, das heißt auf Neuland, dort, wo man es nicht für möglich gehalten hätte.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

bei jeder und jedem von uns gibt es wohl irgendwo so ein „Grab in Jerusalem“, wo wir so gerne klagen, weinen und uns selbst bedauern, weil nichts mehr ist wie es war. Das kennen wir ja auch als Kirche.

Aber Ostern verspricht uns: Für uns alle gibt es auch irgendwo ein Galiläa, Neuland, dort wo das Leben wartet - wo ganz neues und unerwartetes Leben wartet - auf jeden einzelnen von uns und auf die ganze Kirche.

Aber um das zu finden, müssen wir flexibel sein wie diese Frauen am Grab; bereit sein, eine neue Blickrichtung einzunehmen, auch mal Ungewohntes für Möglich halten -- und uns von einem Engel Beine machen lassen, das heißt wir müssen uns in Bewegung setzen. Und wir dürfen nicht gleich wieder selbst die alten Grabsteine davor rollen, damit auch alles schön bleibt, wie es immer schon gewesen ist - selbst wenn es ganz schön tot ist.

Ostern ist nicht kuschelig und zweimal nicht „nett“, sondern Ostern hat wirklich mit Schrecken und mit Beben zu tun - Schrecken und Beben, das auch uns erfassen will, damit auch unsere Grabsteine ins Rollen geraten - und der Zugang für den Herrn auch in unser Leben hinein wieder frei wird.

Damit auch in uns Ostern wird - und in unserer Kirche.

Falls Sie sich schwer damit tun, liebe Schwestern und Brüder, keine Angst. Denn das „Fürchtet euch nicht“ des Engels, das gilt auch uns.
Der Herr schenkt uns sicher auch die Zeit, die es braucht, damit sich etwas verändern kann. Denn Ostern ist ja länger als nur heute –

Und Engel begegnen uns sicher allemal.
Vielleicht steht ja schon einer neben Ihnen; oder er wartet draußen auf Sie.

 
Amen  

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch

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