Predigt von Richard Baus zum 11. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Ez 17,22-24     
Mk 4,26-34

   
Liebe Schwestern und Brüder,

vor wenigen Tagen hat Kardinal Marx uns wohl alle in Erstaunen versetzt, als er dem Papst seinen Rücktritt angeboten hat.

In seinem Brief an Papst Franziskus schrieb er, dass er der Meinung sei, dass die Kirche irgendwie am Nullpunkt angekommen sei. Und damit es einen Wendepunkt geben könne, wolle er zurücktreten, weil er sich mitschuldig fühle an dieser Situation.

Wie wir heute wissen, hat der Papst dieses Angebot nicht angenommen. Sondern der Papst hat ihm ans Herz gelegt, sich weiterhin für eine Erneuerung der Kirche einzusetzen, so wie Kardinal Marx es im selben Brief beschrieben hat – aber an seiner jetzigen Stelle.

Ich erinnere mich an eine Konferenz mit SeelsorgerInnen .
Der Bischof war zu Gast. Irgendwie hatte sich eine depressive Stimmung breit gemacht:
Alles, was wir in der Kirche so zählen können, wird weniger: Die Messbesucher, die Hochzeiten und Taufen, die Seelsorger, das Geld – nur die Arbeit wird immer mehr und der Frust. Kirche am Nullpunkt.

Was sollen wir denn noch tun? Und müsste man nicht vielleicht manches ganz anders tun?? Wo soll das denn noch hingehen mit der Kirche??

Irgendwann meinte der Bischof weise lächelnd:
Wenn das Reich Gottes einmal vollendet sein wird, dann wird es gar keine Kirche mehr geben, keine Pfarrer mehr, keine Bischöfe und keinen Papst.

So etwas braucht man dann nicht mehr. Denn die Kirche ist nicht das Reich Gottes
Das Reich Gottes ist mehr als die Kirche.
Tun Sie das, was Sie tun können – und vertrauen Sie darauf, dass Gottes Geist auch heute wirkt.

Mir kam dieses Gespräch in Erinnerung, als ich den Test aus dem Buch Ezechiel und das Evangelium zur Vorbereitung auf diesen Gottesdienst gelesen habe.

Da waren so schöne Gedanken und schöne Bilder drin.
Zum Beispiel wenn es da heißt: Ich lasse den grünenden Baum verdorren und den verdorrten erblühen. Ich, der Herr, habe gesprochen und ich führe es aus.
Und man möchte hinzufügen: Nicht du, Mensch, sondern ich, Gott.

Oder: Der Same keimt und wächst - und der Mann weiß nicht, wie.
Die Erde bringt von selbst ihre Frucht hervor; von selbst, heißt es da;
Im griechischen Text steht da „Automatä“,  also ganz automatisch wächst das.
Und man möchte wieder hinzufügen: Nicht weil du, Mensch, das machst, sondern weil Gott das so macht.

Vielleicht fragen Sie sich: Ja, wenn das so ist – was sollen wir dann überhaupt noch tun. Sollen wir dann nicht lieber die Hände in den Schoß legen und Gott einen guten Mann sein lassen????

Nun, sicher nicht. Die Arbeit und die Aufgabe des Menschen ist schon beschrieben: Er soll säen, ausstreuen.
Der Mensch ist verantwortlich dafür, dass was ausgestreut wird, dass ein Samenkorn in die Erde gelegt wird;
Und er muss wohl auch darauf achten, dass der Boden locker bleibt, dass nichts verdorrt.
Und dass da ein Klima ist, in dem auch etwas wachsen kann.

Aber was am Ende wird, was wächst, wie groß es wird und wieviel Frucht es trägt – das entscheidet nicht der Sämann, sondern Gott.
Und der kann blühende Bäume verdorren lassen – und verdorrte Bäume wieder grün werden lassen. Gott kann das, nicht wir.

Zwei Texte, die sehr entlastend sind – und die nur zu einem mahnen:

Zu Geduld und Gelassenheit.
Zu Geduld, die dazu gehört, damit etwas auch wachsen kann – und zur Gelassenheit, es so wachsen zu lassen, wie Gott es will und nicht so, wie wir Menschen uns das vorstellen.

Sie alle kennen sicher die Geschichte von jenem alten Bauern, der abends hundskaputt vom Feld kam – aber glücklich lächelnd. Als man ihn fragte, was denn mit ihm los sei, sagte er: ich habe dem Korn beim Wachsen geholfen, damit es ein bisschen schneller geht.

Und als all zum Feld liefen, um nachzusehen, sahen sie den Schaden: alles war am verwelken und verdorren. Denn der Mann hatte an jedem Pflänzchen ein bisschen gezogen – und dabei die Wurzeln herausgezogen.

Ich glaube, das ist oft auch die Gefahr bei uns, bei uns, die wir es doch so gut meinen – und dem lieben Gott helfen wollen, damit alles schneller geht und wir mehr Erfolg sehen:
Wie oft zupfen wir an allem möglichen rum, damit es schneller geht und mehr wird:
An den Kommunionkindern und Firmlingen – die dann auf einmal alles machen sollen, was ihre Eltern schon lange nicht mehr machen.

Da wollen die einen die Kirche strenger und da noch ein Gesetz und dort noch ein Gebot, damit möglichst viele kommen müssen und fromm sein müssen –
Und die anderen wollen mehr Freiheit und mehr Mitbestimmung für Männer und Frauen.
Und wir vergessen, dass man Liebe nicht mit Gesetzen erzwingen kann – und Freude kann man nicht befehlen.

Wenn wir Kirche lebendig haben wollen – dann müssen wir selbst lebendig sein --- und wenn wir wollen, dass uns die Leute nicht weglaufen, dann müssen wir einladend sein. Einladend und glaubwürdig – und nicht verbissen und nicht gnadenlos.

Und wir müssen uns vor Augen halten, dass nicht wir Menschen die Herren der Kirche sind, sondern Gott.
Und dann müssen wir uns von ihm leiten lassen, von seinem Geist – und nicht von unseren menschlichen Vorstellungen.

Denn anscheinend können wir den notwendigen Wendepunkt, von dem der Kardinal geschrieben hat, tatsächlich nicht mit unseren Vorstellungen herbeiführen, denn sonst wären wir ja nicht so am Nullpunkt.
Sondern den kann nur Gott herbeiführen.

Sie kennen alle das schöne alte Gebet: Gott hat heute keine anderen Hände als unsere Hände…. keine anderen Füße als unsere Füße… und und.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

wie arm wäre Gott dran, wenn er wirklich nur uns hätte….
wenn er nur auf unsere Hände und Füße angewiesen wäre.
Er hat sich zwar in seiner Liebe an uns gebunden, aber er ist doch sicher nicht abhängig von uns.

Vertrauen wir doch drauf, dass er mehr Möglichkeiten hat als wir: Dass er den blühenden Baum verdorren lassen kann – und den verdorrten Baum wieder zum Blühen bringen kann. Und dass sein Reich kommt – „automatä“. Automatisch.

Aber das wird wohl nur dann gehen, wenn wir dem Gottesreich nicht im Weg stehen, wenn wir meinen, das müsste dann genau so aussehen, wie wir uns die Kirche immer vorgestellt haben. Wie sie schon seit Jahrhunderten gewesen ist, denn nur dann wäre es richtig.
   

Liebe Schwestern und Brüder,

es wird größer sein als die Kirche. Größer als wir. Und sicher auch ganz anders.

Und halten wir uns doch immer vor Augen, dass die röm.kath. Kirche nicht die einzige Kirche im Reich Gottes ist. Vielleicht ist sie die einzige „am Nullpunkt“, das mag ja sein.

Sondern da sind auch noch die anderen –
All die anderen christlichen Konfessionen und Kirchen, die mit uns an den einen Gott glauben: Die taufen und Abendmahl feiern – wie wir. Die aus derselben Bibel lesen und danach zu leben versuchen - wie wir.  Und die jeden Tag –genau so wie wir- im Vater unser beten: Dein Reich komme!  Und die wie wir, daran mitbauen wollen.

Dein Reich komme. Das Reich dieses Gottes, der Dreifaltig ist – der also viel größer als wir es uns überhaupt ausdenken können –
Und der eben nicht katholisch ist – und auch nicht evangelisch – nicht Jude und nicht Moslem.

Sondern er ist Gott,
und zwar der Gott aller Menschen.

Und deshalb wird sein Reich überall dort sein, wo Menschen sind,
Menschen, denen er Gott sein darf.

   
Amen

 

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