Predigt von Richard Baus zum Pfingstmontag, Lesejahr B

Liebe Schwestern und Brüder,

bei der Suche nach einem Gedanken für die Predigt zu diesem Pfingstmontag fiel mir noch einmal eine Predigt von Dr. Wolfgang Raible, den ich hier schön öfter zitiert habe, in die Hände. Sie ist überschrieben mit der Frage:
Eine Kloster-Katzen-Kirche?

Und er erzählt folgende Geschichte:
Jeden Abend, wenn sich die Mönche zur Andacht niederließen, pflegte die Katze des Abtes herumzustreunen und sie beim Beten abzulenken. Also ließ der Abt die Katze während der Gebetszeit anbinden.
Lange nach dem Tod des Abtes wurde die Katze immer noch während der Abendandacht angebunden.
Als die Katze schließlich starb, wurde eine andere Katze ins Kloster gebracht, so dass man sie während der Andacht ordnungsgemäß anbinden konnte.

Jahrhunderte später schrieben die Mönche dieses Klosters gelehrte Abhandlungen, warum eine angebundene Katze unverzichtbar für die Abendandacht sei, und dass ohne sie auch in Zukunft niemals gebetet werden könne.

(frei nach Anthony de Mello, Die Katze des Guru, in: Warum der Vogel singt, Herder 1984, 52).

   
Wolfgang Raible sieht in dieser köstlichen Geschichte von Anthony de Mello die heimliche Anfrage an unsere Kirche versteckt:
Sind wir so eine „Kloster-Katzen-Kirche“? Klammern wir uns an jede Tradition und fragen gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Sagen wir: Das haben wir schon immer so gemacht, deshalb muss es auch so bleiben – und wehe, jemand versucht, daran zu rütteln?

Dem gegenüber steht ja an Pfingsten ein ganz anderes Kirchen-Bild:
Das Bild einer Kirche, die so von Gottes Geist erfasst ist, dass sie lebendig ist und sich verändern kann. Eine Kirche aus lebendigen Steinen, die versucht, Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben, in der sie gerade lebt.
Eine Kirche, die ihre Wurzeln im 2. Vatikanischen Konzil hat, als Papst Johannes XXIII. dazu aufgerufen hat, die Fenster der Kirche zu öffnen, damit mal wieder frischer Wind hindurchfährt und sie neu zum Leben erweckt.

Eine Kirche, die dynamisch und mit viel Phantasie kreativ ihre Aktivitäten an den konkreten Erfordernissen der Zeit ausrichtet.
Eine Kloster-Katzen-Kirche – und eine Kreative-Konzils-Kirche: bis heute begegnen uns diese beiden Kirchenmodelle, und bis heute haben beide ihre Sympathisanten und Anhänger – bis hin nach Rom.

Die Freunde der Kloster-Katzen-Kirche sagen zum Beispiel: Im Abendmahlssaal hat Jesus das Priesteramt gestiftet, und es waren damals nur Männer und keine Frauen dabei – also kann es in der Kirche niemals ein Weiheamt für Frauen geben.

Die Anhänger der Kreativen-Konzils-Kirche sehen das anders. Sie sagen: Es gab viele Frauen, die Jesus nachgefolgt sind. Paulus schreibt sogar von einer Apostelin.
Frauen waren die ersten Zeuginnen der Auferstehung. Viele Gemeinden wurden in den Anfängen des Christentums von Frauen geleitet. Frauen, die später immer mehr von den Männern aus diesen Diensten rausgedrängt worden sind.
Man könnte also genügend Gründe dafür anführen, das Priesteramt auch für Frauen zu öffnen.

Vertreter der Kloster-Katzen-Kirche können sich nur unverheiratete Männer als Priester vorstellen. Der Zölibat sei ein großes Gut, das nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe, sagen sie. Er hätte eine lange Tradition und sei die einzige der Aufgabe des Priesters angemessene Lebensform.

Sympathisanten der Kreativen-Konzils-Kirche dagegen verweisen auf die Zeit, in der es sehr wohl verheiratete Priester gab. Sie bezweifeln, dass die Gründe, die im 11. Jahrhundert zur Einführung eines Pflichtzölibats geführt haben, heute noch tragfähig sind. Selbst Petrus war immerhin verheiratet, denn Jesus ja seine Schwiegermutter geheilt.
Und sie fragen, ob dieses Kirchengebot denn wichtiger sei als eine intensive Seelsorge und die Möglichkeit wieder häufiger vor Ort die Eucharistie in den Gemeinden feiern zu können – wenn es halt mehr Priester gibt.

Die Gefolgsleute der Kloster-Katzen-Kirche halten daran fest: Wer nach einer Scheidung wieder standesamtlich heiratet, bleibt für immer vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen. Sie sagen: Die Unauflöslichkeit der Ehe ist eine göttliche Norm, über die die Kirche nicht verfügen kann.
Die Befürworter der Kreativen-Konzils-Kirche denken anders. Sie sagen: Es ist nicht recht, dass wir den wiederverheirateten Geschiedenen ein für allemal die Tür zu den Sakramenten verschließen.
Und Papst Franziskus  erinnerte vor einiger Zeit in einer Predigt daran, dass es in der alten Kirche sehr wohl das Amt des Türöffners gab – der die Leute eintreten ließ. Aber ein Amt des Türschließers hat es in der Kirche nie gegeben. Wer sind wir denn, dass wir Türen schließen dürften? Und das ein für allemal!“

Eine Kloster-Katzen-Kirche – oder eine Kreative-Konzils-Kirche?
Die eine lebt vom Beharren auf die Tradition und vielleicht auch von unserem mangelnden Mut, notwendige Veränderungen anzugehen -

Die andere lebt von Christen, die eben nicht dauernd sagen: „Das war schon immer so!“ – sondern die sagen: „Wir müssen überlegen, wie wir die Botschaft Jesu heute glaubwürdig verkünden und heute leben können“. Wie wir auf die Fragen von heute auch mit Antworten von heute Hilfe geben können – und nicht mit den Antworten von vor 100 Jahren.

Es sind Menschen, die davon ausgehen, dass der Hl. Geist ja doch noch nicht in Pension gegangen ist, sondern immer noch weht und wirkt – und zwar so, wie ER es will. Und dass er sich nicht nur auf „Heiligen Stühlen“ niederlässt, sondern auch auf anderen. Vielleicht sogar auf Ihren!
Es sind Menschen, die das Wort Jesu im Ohr haben: „Ich bin der Weg“ – und der nie gesagt hat: „Ich bin der Standpunkt.“

Pfingsten 2021 – zu welcher Kirche gehören wir?
Binden wir immer noch – um im Bild zu bleiben - die Katze an, wenn wir beten wollen – und kaufen wir immer schnell wieder eine neue, wenn die alte gestorben ist, nur damit sich nichts ändert –

Oder haben wir die Katze schon losgelassen – und entdecken voll Freude, dass man auch ohne Katze sehr gut beten kann – und vielleicht noch besser und viel kreativer und froher, weil halt nichts und niemand erst mal angebunden werden muss, sondern wir alle so frei leben, beten und glauben dürfen, wie Gottes Geist es uns schenkt. Und das seit unserer Taufe und unserer Firmung – seit auch WIR Kirche sind.

   
Amen

(Die Anregung zu dieser Predigt bekam ich durch die „5-Minuten-Predigt: Ein Kloster-Katzen-Kirche“ von Dr. Wolfgang Raible, Stuttgart. Im: Anzeiger für die Seelsorge, 2017)

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch

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